Mutter Helvetia mit Nachwuchssorgen – stirbt die Schweiz, stirbt Europa aus?

Prof. Dr. Otmar Tönz, Luzern (ehem. Chefarzt des Kinderspitals Luzern)

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Der Trieb zur Fortpflanzung und Erhaltung der eigenen Art ist ein Urphänomen der gesamten Biosphäre. Dieses Naturgesetz ist als Schöpfungsauftrag schon auf der ersten Seite des Alten Testaments verankert. Im Tier- und Pflanzenreich ist die Erfüllung dieser Aufgabe fast identisch mit Lebensinhalt und Dasein. Auch beim Homo sapiens hat dieses Grundprinzip der Natur zur Erhaltung und zum Wachstum des Menschengeschlechtes geführt. Nach ungeschriebenen, weitgehend unergründbaren demografischen Gesetzen waren Regelmechanismen wirksam, die dieses Wachstum in einem vernünftigen Gleichgewicht hielten. Bis der Mensch in den hochentwickelten Ländern dahinterkam, die Befriedigung des Sexualtriebes von der Fortpflanzung systematisch zu entkoppeln. Und so hängt seit bald 30 Jahren der Kindersegen über Europas Dächern schief, insbesondere auch über den Betten von Herrn und Frau Schweizer.

Wachstumsexplosion und Schrumpfung
Dass wir uns heute mit einem explosiven Wachstum der Weltbevölkerung einerseits und einem rapiden Schrumpfungsprozess des eigenen Volkes andererseits konfrontiert sehen, gehört zu den paradoxen Phänomenen der heutigen Zeit. Verständlicherweise ist die Bevölkerungsexpansion im Bewusstsein der Menschheit viel eindrücklicher präsent. Während Jahrtausenden lag die Weltbevölkerung bei wenigen Hundert Millionen Menschen, zwischendurch durch Pest oder Hungersnöte wieder einmal halbiert. Um 1800 wurde dann aber die Milliardengrenze erreicht, vor Jahresfrist waren es 6 Milliarden und in 50 bis 60 Jahren werden es 10 Milliarden sein. Damit dürfte die Klimax in etwa erreicht sein 2,10,12). Bringen wir aber die Bevölkerung der Industrieländer in Relation zur Gesamtpopulation, so erkennen wir, dass wir «peanuts» sind, dass es für die Erdbevölkerung überhaupt keine Rolle spielt, ob Europa etwas zu- oder abnimmt, konstant bleibt oder ganz ausstirbt. Wir können uns also getrost auf uns selbst besinnen.

Viel weniger bewusst ist man sich über den Schrumpfungsprozess – oder, etwas krasser ausgedrückt – über das Aussterben des eigenen Volkes. Diese Tatsache wird weitgehend verdrängt; umso eher ein Grund, heute etwas darüber nachzudenken.

Darf ich dazu ein paar Eckdaten vorstellen (Tab. 1). Wir vergleichen 1964 mit 1999 – 35 Jahre. Betrug die Gesamtfruchtbarkeit der Frau zur Zeit des europäischen Baby-Booms Mitte der 60ger Jahre in der Schweiz 2,69 Kinder pro Frau im gebärfähigen Alter, so ist dieser Index bis 1999 incl. den bei uns ansässigen Ausländerinnen auf 1,47, bei den Schweizerinnen allein auf 1,27 zurückgegangen 13). Ich darf hier einflechten, dass es für die konstante Reproduktion eines Volkes 2,1 Kinder pro Frau bedarf. Die 0,1 kommen einerseits wegen der kindlichen Mortalität dazu, andererseits aber, weil weniger Mädchen als Knaben zur Welt kommen; und zu einer konstanten Reproduktion kommt es ja erst dann, wenn jede Frau im Durchschnitt wieder ein, die Kindheit und Jugendzeit überlebendes Mädchen generiert, und dazu braucht es durchschnittlich 2,1 Kinder.

Tabelle 1: Entwicklung der Fruchtbarkeit in der Schweiz 1964-1999

  1964 1977 1999 Differenz (%)
Bevölkerung (in Mio.) 5.87 6.27 7.16 +22
Geburten 112'900 99'200 76'000 -33
Geb. Schweizerinnen 85'700 71'000 52'000 -39
Geb./1000 Einwohner 19.5 16.1 10.7 -45
Fertilität (zGZ *) 2.69 2.09 1.47 -46
Fert. Schweizerinnen * 2.55 1.92 1.27 -60
Anteil <15-jährige (in %) 21.7 21.9 17.3 -20

*) zusammengefasste Geburtenziffer = Kinder pro Frau im gebärfähigen Alter (15-48 j.)

In absoluten Zahlen: bei einer Gesamtpopulation von 5,9 Mio wurden 1964 in der Schweiz fast 113‘000 Kinder geboren, 1999 waren es bei 7,16 Mio Einwohnern nur noch 76‘000, oder 2/3 des ehemaligen Kindersegens. Der Anteil der Kinder und Jugendlichen unter 15 Jahren ist von 21,7 auf 17% zurückgegangen. 1970 war der letzte ausgeglichene Jahrgang mit einer Geburtenziffer von 2,09. Es geht daraus hervor, dass für die ständige Reproduktion eines Volkes von 6,3 Mio Menschen jährlich 100'000 Geburten erfolgen müssten.
Entsprechende Zahlen gelten, um ein Beispiel aus unserem Nachbarland zu erwähnen, auch für Nordrhein-Westfalen, dem bevölkerungsreichsten deutschen Bundesland: 1964 bei 16,5 Mio Einwohnern 300'400 Geburten, oder 18,2 pro 1000 Einwohnern, zwanzig Jahre später (1984) bei 17,5 Mio Einwohnern 158'300 Geburten oder 9,05 pro Tausend. Also ein Rückgang um die Hälfte bezogen auf die Einwohnerzahl. Seither haben sich die absoluten Geburtenzahlen, als Folge des Geburtenberges aus den 60ger Jahren, wieder etwas erholt oder mindestens stabilisiert 13).
Ich kann Ihnen auch die Zahlen aus Österreich präsentieren; sie zeigen die nämliche Entwicklung: die Anzahl der Geburten ist von 1963 bis 1998 um 42% (135'000 vs. 78‘000) , die Fertilität um 53% (2,82 vs. 1,32) zurückgegangen 13). Dafür haben sich die Kinderärzte – wie in der Schweiz – verdreifacht, womit auch für Sie klar sein dürfte, weshalb uns die Thematik besonders nahe geht.

Es steht also fest: wir schrumpfen. Begonnen hat der Prozess Mitte der 60er Jahre, und nach 1970 ist die Fertilität unter den ominösen Wert von 2,1 gefallen. Dies äussert sich unter anderem darin, dass in Zukunft Begräbnisse immer häufiger werden als Geburten («negativer Geburtenüberschuss»).
Von diesem Reduktionsprozess ist beileibe nicht nur Zentraleuropa betroffen. Alle europäischen Staaten – mit Ausnahme Albaniens und Moldawiens – sind bezüglich Nachwuchs defizitär. Noch am günstigsten sieht die Situation bei den nordischen Ländern aus: Island, Irland, Norwegen mit Geburtenziffern zwischen 1,8 und 2,0; am schlimmsten im Süden: Italien und Spanien, deren Kinderreichtum früher Legende war, weisen heute eine Fertilität um oder gar unter 1,2 auf. Deutschland, Österreich und die Schweiz liegen im untersten Bereich des grossen Mittelfelds 7,10). Die Entwicklung der Geburtenziffern dieser drei Länder sind in Abb. 1 dargestellt. Sie weisen eine fast vollständige Ãœbereinstimmung auf; einzig in der damaligen DDR wurde ab Mitte der 70er Jahre ein Wiederanstieg verzeichnet, der auf Grund sozial- und familienpolitischer Massnahmen erfolgte. Wenn wir die Schweiz isoliert betrachten (Abb. 2), so fällt auf, dass die Gebärfreudigkeit der Ausländerinnen höher liegt, sich aber doch relativ rasch dem Trend der einheimischen Bevölkerung angleicht.11)

Abbildung 1
Abbildung 2

 

Veränderung der Altersstruktur
Besonders eindrücklich auch die Veränderungen der Altersstruktur der Bevölkerung, der sog. Bevölkerungspyramide, die den Namen einer Pyramide schon gar nicht mehr verdient. Sie bringt das Fehlen des Nachwuchses eindrücklich zur Darstellung und zeigt – auf 50 Jahre hinaus projiziert – das Bild einer anorektischen Nation 2) (Abb.3). Man realisiert hierbei, dass die junge Generation die Altersversorgung der älteren auf die Dauer kaum wird übernehmen können. Bereits beklagen sich die heutigen 35-50-jährigen lauthals darüber, dass für ihre alten Tage nicht mehr gesorgt sei. Gerade sie aber haben missachtet, dass Kinder zu allen Zeiten auch den Sinn der materiellen Existenzsicherung der Altersvorsorge erfüllten. Das gilt für heute genau so wie in früheren Zeiten. Aber die Einsicht, dass solche Einrichtungen ohne Nachwuchs nicht mehr funktionieren, dass es ohne Kinder keine Zukunft gibt, ist noch nicht überall herangereift; obwohl schon Euripides das schöne Wort geprägt hat: «die Söhne sind des Hauses edle Pfeiler»

Abbildung 3

Trübe Aussichten: exponentieller Schwund
Vor allem sind sich nur wenige bewusst, wie rasch dieser Prozess in die Enge führt. Zwei Grafiken mögen dies erläutern: Die Grafik in Abb.4 geht von der optimistischen Voraussetzung aus, dass sich der Fertilitätsindex nicht mehr weiter absenke. Setzen wir den Idealjahrgang 1970 mit 100% ein, so reproduziert sich dieser gegenwärtig, mit den Ausländern zu 67, ohne diese zu 60%. In der nächsten Generation erreicht die Geburtenzahl nur noch 45 bzw. 36% des Sollwertes, und in der übernächsten (ca. 2055-60) machen die Geburten von Nachkommen heutiger Schweizerinnen nur noch einen Viertel des Sollwertes aus. In Abb.5 sind die gleichen Verhältnisse in absoluten Zahlen dargestellt. Diese Zahlen betreffen die Nachkommen der heutigen Wohnbevölkerung. Sie werden selbstverständlich durch weitere Zuwanderung nach oben korrigiert werden. Ich komme darauf zurück.

Abbildung 4
Abbildung 5

Sie sehen, ich prophezeie nicht wie weiland Malthus oder Nostradamus auf Jahrhunderte hinaus, sondern bleibe im menschlich überblickbaren und weitgehend errechenbaren Zeitraum von 30-50 Jahren. Manche mögen am Rückgang der Bevölkerungsdichte ihre Freude haben. Der exponentielle Schwund unserer Jugend beeindruckt weniger als die frohe Aussicht auf freie Parkplätze und weniger Staus auf den Autobahnen; oder endlich Eintrittskarten für grosse Sinfoniekonzerte an den Luzerner Musikfestwochen. Ich muss sie enttäuschen. Das bei uns entstehende Vakuum löst eine Sogwirkung zur Immigration aus, und weil fast alle europäischen Staaten im Negativsaldo stehen, wird diese aus Ländern mit dem grössten Wachstumsdruck, d.h. aus dem afro-asiatischen Raum zu erwarten sein. Von freien Parkplätzen und Autobahnen kann keine Rede sein, und was die Festspiele betrifft, so werden sie zukünftig weiterhin durch die immer reicher werdenden Banken, Versicherungen, Hotels und Industriegiganten zusammengekauft werden!

Man sieht dieser Zukunft eher gleichgültig entgegen, auch die Politiker. In der ganzen Diskussion um die Sicherstellung der AHV kommen die wahren Gründe unserer Schwierigkeiten kaum zur Sprache. Ist es Unkenntnis, mangelnder Ãœberlebenswille, fehlendes Volksbewusstsein oder sind es Verdrängungsphänomene? Auch Umberto Eco gibt sich in einer Kolumne gelassen: «so wie einst die Etrusker, so werden eben auch die Italiener eines Tages verschwinden.» 8). Nur Kulturbeflissene beklagen den bevorstehenden Untergang der über 1000-jährigen abendländischen Kultur (und ich fühle mich mit ihnen solidarisch!). Ich habe gar nichts gegen fremde Völker und Menschen, ich habe nur etwas dagegen, dass unsere eigene Gesellschaft an der galoppierenden Schwindsucht dahinsiecht, sich einfach zum Sterben hinlegt. Wenn nicht etwas aussergewöhnliches passiert, wenn wir bei unserer Gesellschaftsordnung bleiben, droht uns das friedliche Entschlafen tatsächlich, und zwar nicht irgendwann in fernen Zeiten, sondern spätestens im nächsten Jahrhundert.

Moderne Völkerwanderung
Bevor wir zu den Gründen dieser merkwürdigen, fast widernatürlichen Entwicklung zu sprechen kommen, noch einige kurze Bemerkungen zur Immigration. Diese Frage wird ja durch meine Nachredner ausführlich besprochen werden. Ich beschränke mich deshalb auf drei kurze Statements: Wir alle wissen, dass auch in den vergangenen beiden Jahrhunderten sehr viele Einwanderer unser Land bevölkert und – menschlich und materiell – bereichert haben. In der heutigen und zukünftigen Situation eröffnen sich aber doch neue Dimensionen:
1. haben bisherige Immigranten als zusätzliche Bewohner und Gäste additiv zum Wachstum unseres Volkes beigetragen; heute und in Zukunft werden sie uns ersetzen müssen. 2. bis vor wenigen Jahren stiessen sie – von einigen Einwanderungswellen infolge politischer Unruhen abgesehen – gewissermassen tropfenweise und als Individualpersonen zu uns, sodass deren Integration relativ leicht erfolgen konnte; heute und morgen kommen sie zu Zehntausenden pro Jahr; und 3. stammten sie früher vorwiegend aus Nachbarländern mit den gleichen kulturellen, sprachlichen und religiösen Voraussetzungen. In Zukunft werden sie aus völlig fremden, aussereuropäischen Kulturkreisen zu uns stossen, was die Schwierigkeiten der Integration, zusammen mit dem quantitativen Aspekt, potenzieren wird. Genügt die kurze Zeitspanne, in der wir noch in der Mehrheit sind, um diesen Assimilationsprozess zu vollziehen, oder werden wir überrannt?

Jedenfalls wird das Europa des 21. Jahrhunderts eine gigantische Völkerwanderung erleben, die die historischen Vorbilder aus dem frühen Mittelalter verblassen lässt. Wir können davon ausgehen, dass nur schon im deutschsprachigen Raum (D–A–CH) bei gleichbleibender Geburtenziffer im Jahre 2030 rund 750‘ - 800‘000 neugeborene Kinder fehlen, und von Jahr zu Jahr werden es mehr. Summativ fehlen bis dann in ganz Europa schon über 20 Millionen Kinder. Zwanzig bis dreissig Jahre später fehlen diese auf dem Arbeitsmarkt und müssen – wenigstens partiell – «importiert» werden. Nach deutschen Berechnungen schrumpft die deutsche Bevölkerung bis zur Jahrhundertmitte um 20 Mio Menschen! 9) Ein derartiger Abschwung ist immer mit einer Vergreisung des Volkes und mit einem wirtschaftlichen und kulturellen Einbruch begleitet 12). Die edle Vorstellung, dass zukünftig aus Nicht-EU-Ländern nur besonders gebildete Fachkräfte zugelassen würden, dürfte einer völlig unrealistischen Illusion entsprechen!

 
Ursachen:

– Individualismus
Doch nun zu den Ursachen. Es ist nicht einfach, dieses komplexe Ursachengewirr zu entflechten. Eine plakative Kurzdarstellung läuft Gefahr, unwissenschaftlich, unseriös oder voreingenommen zu wirken. Ich versuche es trotzdem.
Zunächst muss festgestellt werden, dass dieser Fertilitätsrückgang seit der Entdeckung einer einfachen und sicheren Antikonzeption besteht: der «Pillenknick»! Erstmals in der Geschichte steht diese Möglichkeit der Menschheit offen. Es wäre aber zu einfach, die hormonelle Antikonzeption zum massgeblichen und alleinigen Sündenbock zu machen. Ihr kommt zwar eine wichtige, aber doch nur adjuvante Bedeutung zu. Schon in den 30ger Jahren war es ja vorübergehend zu defizitären Kinderzahlen gekommen. Die eigentlichen Ursachen gründen somit tiefer und sind in gesellschaftlichen Vorgängen zu suchen. Die Populationsbiologie geht davon aus, dass die unbewussten Regulationsvorgänge nur solange spielen, als sich der einzelne im Kollektiv gebunden fühlt 9). In der heutigen, multizentrischen Gesellschaft ist jeder ein Individualist geworden, der höchsten Wert auf Selbstbestimmung legt. «Diese unbedingte Vorrangstellung des einzelnen gegenüber der Gemeinschaft» schreibt Meinard Miegel, «ist wiederum Grundlage eines ausgeprägten Wettbewerbes zwischen den einzelnen. Folge dieses ausgeprägten Wettbewerbes sind Produktivitätssteigerungen ohne geschichtliches Vorbild. Zugleich sinkt die Fruchtbarkeit dieser individualistischen Bevölkerungen so tief, dass diese ihren Bestand nicht erhalten können» 9).

– Voreheliches Verhalten
In dieser individualistischen Kultur stellen wir zunächst fest, dass das Heiratsalter und somit auch das Alter bei der Geburt des ersten Kindes deutlich höher geworden sind (Abb. 6) 13). Zwischen dem Wegzug aus dem Elternhaus und dem Entscheid zur Familiengründung schiebt sich eine Phase, in der die jungen Menschen häufig als Singles oder in unverheirateter Paarbildung leben. Das Heiratsalter der Frau ist in der Schweiz auf 27,6 Jahre angestiegen, das durchschnittliche Gebäralter auf 29,7, das Alter bei der Erstgeburt auf 28,6 Jahre. Allein schon diese Erhöhung des mütterlichen Alters bei der Erstgeburt hat eo ipso eine geringere Kinderzahl zur Folge. Oft wird die Eheschliessung hinausgeschoben, bis es für Kinder zu spät ist. Immer mehr Frauen bleiben überhaupt ledig. Die Zahl der Ledigen in der Altersklasse der 35-39-jährigen Frauen hat in den letzten Jahren von durchschnittlich 10% auf 16% zugenommen 13). Diese verlängerte Phase des Ungebundenseins – nicht mehr unter der Aufsicht der Eltern und noch nicht unter dem süssen Joch der Ehe – wird einerseits benutzt für die persönliche Weiterbildung, Studium, Aufbau einer beruflichen Karriere, – was sich besonders bei Frauen gegenüber früher stark intensiviert hat –, ist aber andererseits geprägt durch ein grosszügiges Konsum- und Genussverhalten, wie es früheren Generationen nicht vergönnt war. Beides, das höhere Bildungsniveau und die Berufstätigkeit der Frau, und der ungebundene voreheliche Lebensstil beider Geschlechter sind aber Konditionen, die der Gründung einer kinderreichen Familie nicht eben zuträglich sind 1).

Abbildung 6

– Die Emanzipation der Frau
Und damit kommen wir zum Kernproblem (ich habe Hemmungen, es auszusprechen, aber es muss sein): die Emanzipation der Frau! Die Frau von heute steht im Konflikt zwischen Kinderwunsch und Karriere, zwischen Familie und Beruf.1) Sie ist herausgetreten aus dem Schatten der Dienstleistungen für Haushalt, Erziehung, Kinder- und Gattenpflege. Sie ist hinausgetreten in die Arena des wirtschaftlichen Kampfes um Ansehen, Selbstverwirklichung und Brot. Dies ist kein Vorwurf! Im Gegenteil: ich habe weitgehend Verständnis! Aber es ist schon so: Die neue Unabhängigkeit konkurriert mit dem Kind. Das biologisch optimale Alter zur Reproduktion (ca. 20-35 Jahre) fällt genau in jenen Zeitraum, in welchem die Grundlagen für eine berufliche Karriere gelegt werden müssten. «Kinderlosigkeit als höchste Stufe der Befreiung», hiess deshalb ein feministisches Schlagwort in den 70ger Jahren 1). 20 Jahre später erleben wir, dass dieser nihilistische Ruf, dieser Verstoss gegen den Schöpfungsauftrag, in den Untergang führt, und dass ausgerechnet ein extremer Feminismus zum Verlust des «Muttertums», von Mutterschaft und Mütterlichkeit führt.

Eine grosse Studie («Mikrozensus Familie») aus dem soziologischen Institut der Universität Zürich ergab, dass von allen erdenklichen Antworten auf die Frage: «warum wollen Sie kein Kind bzw. kein Kind mehr» die Antwort «Mit Kindern ist es für die Frau schwierig, berufstätig zu sein» als weitaus häufigstes und wichtigstes Argument angegeben wurde 6). Kinder stehen der mütterlichen Karriere im Weg. In der freien Marktordnung stellen Kinder bisweilen sogar eine Existenzbedrohung dar, besonders bei alleinerziehenden Müttern. Vom Heiratsjahrgang 1980 haben in der Schweiz 39% der verheirateten Frauen zwei, 18% ein, und 23% kein Kind. Fast jede 4. verheiratete Frau blieb also kinderlos und nur 20% haben drei oder mehr Kinder 4). Ein Vergleich zur Entwicklung der Familiengrössen in Deutschland zeigt Abb. 7  9).

Abbildung 7

Es besteht ein gewichtiger Unterschied bezüglich Kinderzahl zwischen Stadt und Land mit dem Gefälle von Möglichkeiten der Lebensgestaltung, d.h. der Möglichkeit einer anspruchsvollen weiblichen Berufsarbeit. In den Städten und reichen Vorortsgemeinden sind 33% der verheirateten(!) Frauen kinderlos! 4) Um solche Defizite auszugleichen müssten alle andern Frauen drei Kinder haben, und bei Berücksichtigung der nicht erfassten unverheirateten Paare noch deutlich mehr.

All diese Zahlen sollen nur zeigen, wie gross die Korrekturen sein müssten, nicht um die in die Pyramide geschlagene Scharte wieder auszuwetzen, sondern nur um ein weiteres Absinken der Kinderzahlen zu vermeiden.

- und die Männer?
Es sei hier aber betont, dass an dieser Entwicklung die Frauen nicht allein schuldig sind; auch viele Männer stellen aus egoistischen Gründen den Kinderwunsch hinter die persönliche Freiheit. Und damit sind wir bei jenem Punkt, den ich mit der Konditionierung eines konsumträchtigen und freien Lebensstiles in der vorehelichen Phase angetönt habe.

– finanzielle Aspekte
Es gibt keinen Zweifel: Kinder kosten Zeit – die Freiräume werden wesentlich enger –, sie kosten aber auch Geld, weit mehr Geld als früher. Der finanzielle Spielraum einer jungen Familie ist oft eng, besonders wenn unter den vielen Fixkosten auch die Ferien in Mallorca und alle erdenklichen Sportausrüstungen, eine schnelles Auto und elegante Kleidung eingeschlossen sind. Hier werden Kinder zum einzig möglichen Sparpotential. Aber auch ohne diese Luxusgüter bedeuten z.B. drei Kinder für viele eine grosse finanzielle Belastung, die sie an den Rand der Armutsgrenze führen kann, an eine Grenze, unter welcher heute mehr junge als ältere Menschen leben 5). Ein Alleinstehender oder ein doppelt verdienendes Ehepaar haben ein dreifach höheres Nettoeinkommen als eine Drei-Kind-Familie mit nur einem Verdiener. Materielle Beengtheit ist also sicher ein Argument, wenn auch nicht ein absolutes. Denken Sie daran, dass ausgerechnet Albanien am meisten Kinder hat! Auch ist es wissenschaftlich erwiesen, dass Wohlstand – und nicht Armut – die Zahl der Kinder beschränkt. Je höher das Einkommen, desto geringer der Kinderwunsch 1,10). Trotzdem: die Armut junger Familien, überhaupt die finanziellen Aspekte des Kinderreichtums sind ernst zu nehmen!

– Verunsicherung
Ebenso wichtig ist vielleicht die Informatik! Die modernen Möglichkeiten der elektronischen Datenspeicherung, -verarbeitung, -vernetzung und -übermittlung haben zu einer ungeheuren Informationsflut geführt, der die heutige Menschheit nicht – vielleicht «noch nicht» – gewachsen ist. Die nicht abbrechende Flutwelle beängstigender Meldungen und furchterregender Bilder aus allen Bereichen des terrestrischen und extraterrestrischen Geschehens, Katastrophen, Umweltschäden, Krieg, Flüchtlingselend, Kriminalität, soziale Einbrüche, Betriebsschliessungen, Arbeitslosigkeit, vermeintliche Lebensmittelvergiftungen etc. schaffen bei einem grossen Teil des Volkes eine tiefgreifende Verunsicherung und Verängstigung, die unter gütiger Mitwirkung der Medien in eine eigentliche Neurotisierung ausufert. Alles Elend unseres geschundenen Planeten in eines jeden Brust! Dazu kommt der Verlust der Autorität von Gesellschaft, Staat und Kirche, der die Menschheit der letzten Fixpunkte, der letzten geradlinigen Strukturen beraubt, und uns haltlos den Prinzipien des Chaos ausliefert. In diesem Klima der Angst und Orientierungslosigkeit besteht wenig Zuversicht in die Zukunft, erscheint die Zeugung von Kindern beinahe riskant, manchem sogar unverantwortlich; obwohl objektiv festzuhalten ist, dass die Zukunft zu allen Zeiten ungewiss war und ist, heute nicht weniger und nicht mehr als irgendwann in der Geschichte der Menschheit. Ich erinnere daran, dass auch in der Schweiz ausgerechnet 1940/41 ein kinderfreundliches Klima anbrach, das ganz Europa erfasste und uns während der folgenden 30 Jahre einen Geburtenüberschuss bescherte. Wo immer sich ein Kollektiv in seiner Existenz bedroht fühlt, steigt die Kinderzahl. Aber im heutigen Zeitalter des Individualismus haben solche Grundgesetze ihre Gültigkeit verloren.

Kurz: was früher zur Selbstverständlichkeit der weiblichen Biographie gehörte, wird für die meisten Paare immer mehr zum Brennpunkt mühseliger Entscheidungen. Kinder kommen nicht mehr als Geschenk oder Segen des Himmels, sondern nur noch als «Kopfgeburten» zur Welt 1). Kinder muss man heute aktiv wollen und nicht nur akzeptieren!

Sind Gegenmassnahmen möglich?
Was also ist zu tun? Aktiv werden oder zusehen? Resigniert oder belustigt zur Kenntnis nehmen, dass dagegen kein Kraut gewachsen ist; kulturelle Endzeitstimmung mit Galgenhumor oder Fassung tragen? Die Vorstellung, das Rad der Geschichte zurückdrehen zu können, ist selbstverständlich Illusion. Ich bin mir selber darüber nicht im klaren, ob irgendwelche «Massnahmen» langfristig wirksam sein könnten, bin aber auch nicht bereit, solche a priori als sinnlos zu bezeichnen. Diese Zweifel lähmen selbstverständlich meine Ãœberzeugungskraft; trotzdem lege ich sie ehrlicherweise vor. Sicher wäre schon der Versuch lohnend, den Lauf dieser Entwicklung wenigstens zu verzögern. Die Aussicht, dass wir uns mit Völkern fremder Kulturen nach und nach vermischen, ist ja durchaus akzeptabel. Die ethnische Einheit als Grundlage einer Nation ist ohnehin eine längst überholte Option. Aus den Schmelztiegeln verschiedener Kulturen sind schon oft bedeutende geistige Kräfte der Erneuerung hervorgegangen. Dies ist aber nur dann zu erwarten, wenn eine echte Verschmelzung stattfindet, aber nicht, wenn eine sterbende Kultur von andern überrumpelt wird.

Der Katalog möglicher Massnahmen ist gross. Es würde sich lohnen, sie im Rahmen eines Seminars zu diskutieren. Ich will und kann hier nur stichwortartig vier Schwerpunkte nennen:

1.: Bewusstsein schaffen. Unsere Situation in breitem Rahmen zur Kenntnis bringen, bei Politikern, Akademikern, aber auch im ganzen Volk. Denkanstösse zur Besinnung geben, diese Problematik in öffentlichen und privaten Diskussionen, in Schulen und Kursen zur Sprache bringen, aufzeigen, dass das Boot, in dem wir sitzen, leck geschlagen, am Sinken ist.

2.: Bestehende Tendenzen zur Gegenbewegung unterstützen. Glücklicherweise sind solche da und dort erkennbar. Man realisiert, dass die vielgerühmte Selbstverwirklichung einer Frau, ohne die Verwirklichung ihrer biologischen Fekundität, ihres Urtriebes zur Fortpflanzung auf die Dauer ein Phantom bleibt 1). Die neue Trendforschung glaubt eine «Retro-Phase» voraussagen zu können: «vorwärts in die Vergangenheit!» Der Stellenwert der modernen Hausfrau in Ehe und Familie soll wieder aufgewertet werden. Eine Art Rückzug von der zunehmend komplexen Aussenwelt ins Private wird prognostiziert. Kinder zu haben ist kein anachronistisches Relikt, vielmehr wird in der Beziehung zum Kind der angestrebte emotionale Halt, Lebenssinn und die Sehnsucht nach Wärme und Zärtlichkeit erfüllt. Das sind spezifisch frauliche Werte, während die Emanzipation mit ihrer Forderung nach gleichem Recht für Mann und Frau leider weitgehend auch gleiche Eigenschaften für Mann und Frau fördert, und nicht die genannten geschlechtsspezifischen emotionalen Qualitäten. – Die Desavouierung von «nur» haushaltführenden und kindererziehenden Müttern durch die Gesellschaft muss überwunden werden.

3.: Die Doppelrolle der Frau als Mutter und Berufsfrau erleichtern: Viele Frauen sind nun einmal berufstätig; viele müssen, andere möchten es sein. Ihnen ist mit den vorhin genannten Idealvorstellungen nicht gedient. Dass die Wiederaufnahme einer teil- oder vollzeitlichen Berufstätigkeit nach der Vorschul oder Schulzeit des Kindes heutzutage fast selbstverständlich ist, brauche ich hier nicht zu erwähnen. Es ist deshalb unsere Aufgabe, Ihnen die Doppelrolle als Mutter und Berufsfrau zu erleichtern.
Private Massnahmen:
– vermehrte Erziehungsarbeit der Ehemänner
– privat organisierte Fremdbetreuung, Grosseltern , Nachbarn
– höheres Angebot von Teilzeitstellen durch die Wirtschaft; Jobsharing
Sozialpolitisch strukturierte Massnahmen:
– Kinderkrippen, Kinderhorte
– Tagesschulen
– Mutterschaftsurlaub, Erziehungsurlaub

4.: Finanzielle Unterstützung / Familienpolitik. Eine Familienpolitik, die sich auch für die materiellen Bedürfnisse junger, kinderreicher Familien stark macht, fehlt in unserm Land weitgehend. Wenn unser Volk – grosso modo in seiner bisherigen Zusammensetzung – überleben soll, braucht es finanzielle Opfer! Es wäre zu diskutieren über:
– höhere Kinderzulagen, besonders ab dem 3. Kind
– keine oder minimale Krankenkassenprämien für Kinder
– Mutterschaftsversicherung
– Steuerreduktionen für Familien 
– Umlagerung von Fürsorgegeldern von Altersrenten auf bedürftige junge Familien
(z.B. abgestufte Altersrenten nach Kinderzahl?)

Keine dieser Massnahmen allein wird genügend greifen. Erst ein Wandel der Mentalität, der Lebenseinstellung, ein überzeugtes und von Herzen kommendes «Ja zum Kind» wird, zusammen mit finanziellen und sozialen Erleichterungen, zum Ziel führen, das realistisch gesehen nur in der Bremsung unserer rasenden Talfahrt bestehen kann.
Sparen beim Kind bedeutet kollektiver Selbstmord. Lasst uns alles versuchen, dies zu verhüten! Es ist eine lapidare Tatsache: Nur Gesellschaften von Familien haben eine Zukunft! 3)

 

Quellennachweis:

1. Beck-Gernsheim, E.: Die Kinderfrage. Frauen zwischen Kinderwunsch und Unabhängigkeit. C.H. Beck, München, 1997
2. Birg, H.: Die Weltbevölkerung. Dynamik und Gefahren. C.H.Beck, München 1996
3. Dumont, G.F.: Europa stirbt vor sich hin, Bevölerungspolitik vor dem Bankrott, Wege aus der Krise. MM-Verlag, Aachen 1997
4. Engstler, H.: Gründung und Erweiterung von Familien in der Schweiz. Eine Analyse der ehelichen Fruchtbarkeit am Beispiel des Heiratsjahrganges 1980. Bundesamt für Statistik, Bern 1995
5. Forum Praxispädiatrie: Neue Armut. Verlag Praxispädiatrie Bellach 1999 
6. Gabadinho, A.: Kinderwunsch: eine Analyse der Ergebnisse des Mikrozensus Familie in der Schweiz. Bundesamt für Statistik, Neuchâtel 1999
7. Knussmann, R.: Die bevölkerungsbiologische Situation und die Zukunft des Menschen. in: Vergleichende Biologie des Menschen; Lehrbuch der Anthropologie und Humangenetik. Gustav Fischer, Stuttgart 1996 p. 449-474
8. Meier-Rust, K.: Die Europäer sterben aus, und keiner will es wissen. Weltwoche 1.8.96. Zürich
9. Miegel, M. u. Wahl, S.: Das Ende des Individualismus. Die Kultur des Westens zerstört sich selbst. Verlag Aktuell, München 1998
10. Münz, R.: Demografische Vergangenheit und Zukunft der Industriegesellschaften Europas. Schweiz. Monatshefte 1998, 78/11: 19-30
11. Wanner P.: Die Geburtenhäufigkeit der Ausländerinnen in der Schweiz seit 1981. aus: DEMOS Informationen der Demografie, Bundesamt für Statistik, Neuchâtel 1996
12. Zurfluh, A.: Sterben wir aus? Ein Blick in die Zukunft. in: Familie ist Zukunft. Schweiz. Stiftung für die Familie, Zürich 2000
13. Die Zahlenangaben betr. Bevölkerungsbewegung stammen aus den entsprechenden Publikationen der statistischen Bundes- bzw. Landesämter der Schweiz (Neuchâtel), Österreich (Wien) und Nordrhein-Westfalen (Düsseldorf).

 

Abbildungslegenden:

Abb. 1: Entwicklung der Fertilität D-A-CH. Weitgehend kongruente Geburtsziffern.13) Man beachte den durch Sozialmassnahmen erreichten Aufschwung in der DDR ab Mitte 70 und den nachfolgenden Absturz.

Abb. 2: Geburtenziffern in der Schweiz. Die Ausländerinnen adaptieren sich an die Geburtenzahl des Gastlandes. Trotzdem tragen sie zur Verbesserung der Gesamtsituation in der Schweiz bei. Die Fertilität ist am höchsten bei Asylantinnen 11) (Kollektiv in bedrohter Lebenssituation).

Abb. 3: Bevölkerungspyramide Deutschland 1993 und für 2050 errechnet (ohne Immigration). Defiziente Basis 1993, geschrumpfte Gesellschaft 2050.2)

Abb. 4: Exponentieller Schwund der Kinderzahlen in den kommenden Generationen bei gleichbleibenden Geburtenziffern bei Schweizerinnen ( CH - ), bzw. der ständigen Landesbevölkerung (CH +), ohne Immigration.

Abb. 5: Entwicklung der Kinderzahlen (absolut) im Vergleich zum «Idealjahrgang» 1970. Ohne Zuwanderungen bezw. Einbürgerungen würden Ende des Jahrhunderts nur noch 15% des Sollwertes erreicht.

Abb. 6: Zunehmende Erhöhung des Heiratsalters, des Alters bei Erstgeburt und des durchschnittlichen Gebäralters in der Schweiz.13)

Abb. 7: Entwicklung der Kinderzahlen pro Familie in Deutschland (1900 bis 1975) 9); dazu der Vergleich mit der Situation 1995 in der Schweiz: Familien mit Heiratsjahrgang 1980.4)