DAS BEROMÜNSTER SYNDROM

Eine unzimperliche Einmischung – mit der These: Wer heute die Welt nicht ins Dorf holt, wird von ihr abgehängt

Dr. Ludwig Hasler, Zürich (stv. Chefredaktor der Weltwoche. Dozent für Philosophie und Medientheorie an den Universitäten Zürich und St. Gallen.)

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Meine Damen und Herren

Die Welt wandelt sich rasend, die Schweiz verändert sich zögerlich, Beromünster am liebsten gar nicht. Schade nur, dass auch Beromünster zur Welt gehört. Ich weiss, wovon ich rede. Ich bin in Beromünster geboren, hier aufgewachsen, die damalige Lateinschule hat mich diszipliniert, der «Hirschen» trinkfest gemacht, der Stiftschor Palestrina-kundig. Noch heute erzähle ich allen, die es wissen wollen, wie sehr mich dieser Ort geprägt hat. Schon diese architektonische Anlage: unten der breite Flecken, das demonstrativ Bürgerliche (erste Adressen), parallel dazu, leicht versetzt, die Hintergassen (zweite Adressen), dahinter, schon leicht abgehängt, Satelliten wie «Rhyn» oder Chilegass im Unterdorf (dritte Adressen); über allem aber, oben, der Stiftsbezirk, das Terrain des Geistigen. Eine kompakte, statische Welt, eine Hierarchie, in der jeder seinen Platz hat - oder eben nicht.

Ich erzähle vom barocken Geist dieses Ortes: vom Weihrauchfassschwingen, von Karwocheliturgien, Prozessionen, Orchestermessen, von der theatralischen Dauerinszenierung, davon, dass wir an Auffahrt den Heiland in den Kirchenestrich raufzogen und an Pfingsten den Heiligen Geist runterspulten, was furchtbar schwierig war, weil die Taube auf ihren Flügeln brennende Kerzen wollte, im Estrich aber ständig Durchzug war. Ich erzähle, wie dieser sinnenfreudige Barock frei von jeder Frömmelei war, und eben dadurch eine Vertikale ins Alltagsleben zog, eine Höhengerichtetheit. Ich erzähle auch, wie ich mein erstes Geld als Ministrant verdiente (20 Rappen pro Messe), wie ich damit freitags - Fleischverbot! - zur Metzgerei ging, eine Servela kaufte, mit dem Velo an den Waldrand fuhr und die Wurst mit Maximallust ass: ein sündiges Vergnügen, das nur möglich war, weil die Grenzen zwischen Gut und Böse so scharf gezogen waren. Dies alles erzähle ich mit einer gewissen Melancholie; denn die Welt, in der ich heute lebe, ist vollkommen anders, ohne barocken Jahresrhythmus, stur horizontal, ohne Spur einer Vertikale, jenseits von Gut und Böse, also ohne die Chance zu sündigen.

Nun werden Sie, meine Damen und Herren, wahrscheinlich sagen: Was in aller Welt haben diese Sentimentalitäten mit dem Thema «Schweizer sein – Schweizer werden» zu tun? Genau das frage ich mich auch. Denn inzwischen ist ja etwas passiert. Der Name Beromünster steht nicht mehr für Landessender, Stiftskirche, Joseph Vital Kopp, er steht exemplarisch für schweizerische Fremdenabwehr. Am 13. Dezember 1999 verwarfen die Beromünsterer Bürger die Einbürgerung der hier aufgewachsenen kosovarischen Geschwister Litafet und Ganimet Ganijai zum dritten Mal, imgleichen weitere fünf Bürgerrechtsgesuche von Personen aus Ex-Jugoslawien.

Damit hat nun nicht nur Beromünster, damit habe auch ich ein Problem. Denn was ich seit Jahrzehnten im biografischen Rückblick glorifiziere (Barock, Vertikale, die Chance zu sündigen), genau das könnte der Humus sein für die Abwehr alles Fremden: diese malerische, rückwärtsverliebte geschlossene Gesellschaft. Die statische Gliederung in Flecken, Hintergassen, Hinterhinterquartiere, Barockpracht etc. - vielleicht bildet genau das die Welt, die die Einheimischen kontrolliert und Fremde ausschliesst.

Dagegen liesse sich einwenden: Nun übertreib mal nicht - schau auch mal nach Emmen. Emmen, das pure Gegenteil einer geschlossenen Gesellschaft à la Beromünster, ein Industrie-Vorort ohne Eigenart, ein multikulturelles Patchwork ohne historische Gefügtheit, ohne Vertikale ohnehin - und verweigert doch allen Ex-Jugoslawen die Einbürgerung. Darauf kann ich nur sagen: Ja, so ist es. Nur, in Emmen geht es ans Lebendige. Dort leben wohl einfach zu viele Modernisierungsgeschädigte, an den Rand Gedrängte; und wer zu kurz kommt, fühlt sich von den Ausländern bedroht. Das kann man zur Not noch verstehen. Hier aber, in Beromünster, wo soll da die Bedrohung herkommen? Von zwei Schwestern am Beginn ihres Erwachsenenlebens? Schwer vorstellbar. Da muss ganz anderes im Spiel und auf dem Spiel sein.

Meine Vermutung ist: Beromünster kapriziert sich auf seine Zeitlosigkeit. Hier war man schon immer stolz darauf, nicht mit der Zeit zu gehen. Ich erinnere mich an meine Schulzeit: Damals kamen auch Schülerinnen aus dem aargauischen Menziken hierher, ich glaube, in die dritte Sekundarschule. Erotisch fanden wir sie zwar attraktiver, doch das zählte nicht wirklich, sie waren - ich sags so brutal, wie es damals gemeint war - Industriepack, modern, aber kulturlos, ohne richtige Feiertage etc. Beromünster dagegen widersetzte sich jeder Modernisierung. Irgendwie passt der Flecken in keine Zeit - und in jede. Das liegt auch an der räumlichen Enge. Zwei Quadratkilometer: für die Agrargesellschaft zu wenig, für die Industriegesellschaft sowieso: keine Felder, kein Platz für Industrieanlagen. Also lebte und lebt Beromünster von seinen zentralörtlichen Funktionen. Die andern rundherum mögen sich sputen - als Bauern, als Fabrikarbeiter, als Computerprogrammierer - Beromünster organisiert die zentralen Dienste: Mittelschule, Kirchen, Restaurants, Konzerte, Auffahrtsumritt, Zahnarzt, Volkshochschule, Apotheke, Eisenwarenhandlung...

Deshalb behaupte ich: In diesem 2000-Seelen-Flecken spielt unsere Tagungsfrage - Schweizer sein? Schweizer werden? - keine Rolle. Hier ging und geht es einzig darum, Beromünsterer zu sein - oder nicht. Beromünsterer wird man nicht, man ist es, oder ist es nicht. Für Fremde ist schlicht kein Platz in diesem festgefügten Gebilde. Man braucht sie deshalb keineswegs zu hassen, sie stören einfach die geschlossene Gesellschaft. Mit irgendeiner Schweizer Identität hat das nicht das Geringste zu tun. Jurassier sind Beromünsterern so fremd wie die Ukrainer, ein Protestant im benachbarten Neudorf ist ihnen so suspekt wie einer aus Hannover. Sogar ich komme manchen schon als Fremdling vor. Als ich letztes Jahr hier an der Mittelschule die Maturarede hielt, liess man mich wissen: Einigen sei mein vergleichsweise geschliffenes Hochdeutsch eher sauer aufgestossen. Man schätze es nicht sonderlich, von Auswärtigen rhetorisch überfahren zu werden.

Ich kann damit leben. Die Frage ist, wie Beromünster mit dieser Haltung überlebt. Dass die Verlockung gross ist, sich vom Schnellzug der Moderne abzukapseln und diesen schönen alten Flecken wie ein Museum zu führen, kann ich gut verstehen. Das Leben in der statischen Provinz hat manche Vorzüge gegenüber der Gesichtslosigkeit der globalisierten Welt. Fragt sich nur, wie lange das gut geht. Die ersten Verluste sind schon da: Das Hotel Rössli ist weg, der Bahnhof dicht, und jetzt noch der Hirschen. Ausgerechnet die drei Relaisstationen zwischen Flecken und Aussenwelt. Das kann schwierig werden. Denn ohne Aussenbeziehung verkümmert das Binnenleben.

So gesehen ist der Fall Beromünster doch irgendwie symptomatisch für den Sonderfall Schweiz. Eine Mentalität des Beharrens, um nicht zu sagen des Verstockens. Ein Reflex gegen die Moderne, die alle vertrauten Verhältnisse auflöst. Eine an sich verständliche Trotzreaktion, eine durchaus begründbare Verteidigung der Tradition. Prekär wird sie, sofern sie das Unbehagen an den Modernisierungstendenzen auf die Fremden abwälzt, die daran am allerwenigsten schuld sind. Damit verstrickt sich das Beharren in der alten Welt in eine Reihe von Widersprüchen. Auch Widersprüche können produktiv wirken. Allerdings nur dann, wenn wir uns bewusst in ihnen bewegen. Wer die Widersprüche verdrängt, macht sich zu ihrem Spielball und setzt seine Zukunft aufs Spiel.

Solche Widersprüche will ich jetzt diskutieren – in drei Anläufen. Der erste handelt vom kulturellen Missverständnis der aktuellen Identität, der zweite vom ökonomischen Missverständnis, der dritte vom politischen Missverständnis.

 
I. DAS KULTURELLE MISSVERSTÄNDNIS.

Ist es nicht merkwürdig? Je konservativer die Leute denken, desto willfähriger folgen sie den technischen Moden. Sie laufen nur noch mit dem Handy in der Gegend herum, sie surfen im Internet, sehen sich jeden Unsinn am Fernsehen an, können jederzeit über die jüngsten Ereignisse in der Container-Gemeinschaft «Big Brother» mitreden, sie interessieren sich für jede Pseudo-Story im «Blick» – kurz: Sie lieben es ultrakonservativ und provinziell - und machen jede Zuckung der globalen Unterhaltungsindustrie mit. Sie sind angeschlossen an den ganzen Klimbim der Welt - doch wenn es praktisch und real wird, ziehen sie sich auf eine weltlos dörfliche Identität zurück.

Ich blicke ja den Beromünsterern nicht in die Wohnstube, vermute jedoch: Auch sie sehen feierabends fleissig fern. Dann erzählte mir ein befreundeter Fernsehredaktor, er habe eine Sendung über Beromünster machen wollen. Doch der Gemeinderat habe beschlossen: keine Auskunft für Journalisten. Das fand ich kurios. Dieselben Leute, die abends vor dem Kasten sitzen, sind empört, wenn dieser Kasten ausnahmsweise mal was über sie bringen will. Eine unerhörte Einmischung einer fremden Macht (Zürich!) in eigene Angelegenheiten! Ist das nicht ein bisschen schizophren? Man will dabeisein – jedoch nicht dazugehören. Man führt seine Blicke in alle Welt spazieren – selber jedoch will man unbeobachtet bleiben.

Das geht irgendwie nicht auf. Natürlich kann man Beromünster als gehobenes Ballenberg-Museum organisieren. Aber dann müsste man konsequent sein – und sich mit dem einheimischen Trachtenverein, Sängerbund und Turnverein begnügen. Was man natürlich nicht tut. Die Jüngeren werden sich, wie überall, an Pop- und Rock- und Techno-Melodien vollsaugen und an Hollywood-Filmen sattsehen, die Älteren an Fernsehserien und Musikantenstadl. Lauter ausländisches Zeugs. Nichts dagegen. Bis auf die Unredlichkeit: Privat ergötzt man sich am internationalen Unterhaltungsbusiness – politisch weist man alles Ausländische ab: im Namen der Reinheit der herkömmlichen Identität.

Zugegeben: Alle Menschen neigen zu diesem Widerspruch. Jede Kultur kennt die Abwehr des Fremden. Und diese Abwehr verstärkt sich in einer Zeit, da der Kulturwandel mit rasendem Tempo fortschreitet. Wo er Lebensformen, politische Vorstellungen, Feindbilder und Vorbilder durcheinander wirbelt. So dass man nicht mehr weiss, ob, was heute gilt, morgen noch Gültigkeit hat. Wir alle müssen uns irgendwie im Leben zurechtfinden, und dazu brauchen wir Verlässlichkeiten, Selbstverständlichkeiten. Also wehren wir in turbulenten Zeiten alles ab, was unsere Selbstverständlichkeiten verwirrt. Also das Fremde, Befremdliche. Wir sitzen dann am Stammtisch (leider nicht mehr im «Hirschen»), wir sitzen am Familientisch und reden und reden – und bei all diesem Reden geht es gar nicht darum, der Welt, der Wirklichkeit gerecht zu werden; es geht einzig darum, uns unseres Standpunktes zu versichern. Wir brauchen einen Massstab, der uns garantiert, dass wir noch einigermassen die Herren unseres Lebens sind.

So ist das. Wir tun alles, damit uns die eigene Welt nicht abhanden kommt. Abhanden aber kommt sie, denken wir, durch die Fremden. - Gleichzeitig mogeln wir. Zur Angst vor den Fremden gesellt sich stets die Faszination durch sie. Deshalb kennt jede Kultur auch positive Formen des Umgangs mit dem Fremden. Auch Beromünsterer reisen - leibhaftig und im Fernsehen. Interessieren sich also fürs Fremde. Und wollen das Fremde doch nicht in die eigene Welt aufnehmen. Warum? Weil sie sich insgeheim ängstigen um den Bestand dieses Eigenen? Weil sie der Widerstandskraft der eigenen Kultur misstrauen?

Jedenfalls ist die Trennung suspekt: Das Fremde im Fernsehen ist reizvoll - in der Realität unerträglich. Das lässt auf kein besonders stabiles Selbstbewusstsein schliessen. Warum bloss? Ich hatte erwartet, dass der Barock, in dem ich aufwuchs, eine Grosszügigkeit begünstigen würde, die gerade auch den Zugewanderten zugute käme; dass eine Christlichkeit, die ich als überaus welthaft erlebte, eine Freude am Andersartigen förderte - und sei es nur aus musikalischen Motiven: Osteuropäerinnen singen einfach besser. Statt dessen igelt sich diese Tradition ab. Was immer das erste Zeichen von Schwäche ist. Denn die Stärke jeder Kultur erweist sich in der Kraft, Anderes, Fremdes zu integrieren.

So viel zum ersten, zum kulturellen Missverständnis. Und jetzt:

 
II. DAS à–KONOMISCHE MISSVERSTÄNDNIS

Als Einstieg eine Erfolgsgeschichte. Juni, Belgien/Holland, die Fussball-EM. Ein symbolischer Wettstreit der Nationen. Der italienische Staatspräsident rief nach dem verlorenen Halbfinale in die Fernsehkameras: Unsere leidenschaftlichen Fussballkämpfer müssen Vorbild für die Nation sein! Die Deutschen fragten sich beklommen: Ist das Debakel unserer Kicker typisch für unsere Rückständigkeit in der Hightech-Welt? Brauchen wir jetzt Inder? Die Franzosen aber jubelten: Wir sind die Champions des Universums! Wer aber sind diese Champions? 14 der 18 Stammspieler waren Einwanderer: Zidane (Algerien), Deschamps (Baske), Henry (Antillen), Desailly (Ghana), Djorkaeff (Armenien), Anelka (Martinique) usw. usf. Die Kinder von Einwanderern haben der «Grande Nation» einen Teil ihres Selbstverständnisses zurückgegeben. Das Geheimnis des Erfolges: viele Wurzeln, viele Mentalitäten, viele Optionen - Vielfalt macht stark. Sogar Jean-Marie Le Pen, der Rechtsnationale, sah sich nach dem Finale genötigt, das Loblied auf den Multikulturalismus zu singen.

Nun kann man sagen: Sogar wir Schweizer haben den Vorteil der Einwanderer auf dem Fussballfeld begriffen: Sforza, Yakin, Türkilmaz - sonderlich helvetisch klingt keiner dieser Namen. Und kein Schweizer Demokrat protestierte, als gegen Russland gar ein Schwarzer (Lubamba!) im Schweizer Dress aufspielte. Warum bloss beschränken wir diese Durchlässigkeit aufs Fussballfeld? Es ist doch evident: Einwanderer sind hungriger, also vifer, lebensdurstiger, also ehrgeiziger, neugieriger, also innovativer. Wogegen wir, die Eingeborenen, vergleichsweise satt sind, selbstzufrieden, auf Besitzstandswahrung aus. Ich arbeite in der Redaktion der «Weltwoche» mit vielen extravaganten Leuten zusammen. Die fruchtbarsten aber sind die sozusagen «internationalen». Ihnen fehlt die helvetische Behäbigkeits- und Vollkasko-Mentalität. Sie leben im Bewusstsein, sich dauernd bewähren – und sonst halt weiterziehen zu müssen. Wogegen viele von uns zu Überstundenzählern verkommen. Tief in uns sitzt der Irrglaube, wir hätten es längst geschafft, müssten der Welt nichts mehr beweisen, hätten gar einen Anspruch, dass die Welt unserer Seriosität applaudiert. Nur, die denkt nicht daran. Im Modernisierungsprozess zählen keine alten Meriten. Wenn wir im Globalwettbewerb eine Rolle spielen wollen, müssen wir mitrennen, uns pausenlos was einfallen lassen. Man kann das blöd finden, doch so will es nun mal das Gesetz des globalisierten Kapitalismus. Und falls unsere eher bewahrende Mentalität Mühe hat, diesem Gesetz zu folgen, bleibt uns nur eine Chance: andere Mentalitäten, hungrigere, durstigere, beweglichere, in unsere Gemeinschaft zu integrieren.

Ich will Ihnen das mit einer kleinen Begebenheit illustrieren. Zürich, HB. Jeden morgen gehe ich da Zigaretten und Zeitungen kaufen. Zwei Kioske liegen an meiner Route. Im ersten stehen drei junge Schweizer Frauen. Man sieht ihnen die Gekränktheit von weitem an, diese Arbeit ist entschieden unter ihrer Würde, also verrichten sie sie auch lustlos, kein Gruss, dauernd die falschen Zigaretten, und stets nahe an der Verweigerung, wenn ich noch eine Zeitung will.

Im zweiten Kiosk bedienen zwei Asiatinnen, stets bester Laune, ausgesucht höflich, und siehe da, schon bei meinem vierten Besuch brauchte ich nur noch zu nicken. Denn jetzt holen sie von selbst, was ich brauche, fragen spielerisch: Camel mild? Le monde? FAZ? usw. Sie kennen mich, kennen meine Wünsche. Und schon fühlt man sich zu Hause, willkommen, verstanden, man kommt in Stimmung, geht heiter zur Arbeit, behandelt seine Mitarbeiter freundlich, ist aufgelegt zu Grosstaten.

Ist doch interessant: Heimat am Kiosk der Asiatinnen, Fremdheit am Kiosk der Einheimischen. Der griesgrämige Schweizer Kiosk trübt die Morgenlaune der Kunden. Ich stelle mir vor: Der Abteilungsleiter, mürrisch bedient, geht finster ins Unternehmen, faucht seine Untergebenen an, diese wiederum werden aggressiv, vertreiben die Kunden - und schon ist das Geschäft im Eimer. Man darf das nicht unterschätzen: Grosse Wirkungen haben meist tausend kleine Ursachen.

Meine erfahrungsgesättigte Behauptung ist: Zugewanderte sind unverwöhnter, also griesgramresistenter - und damit ein unschätzbarer Segen für den Humus, aus dem unsere Wirtschaft spriesst. Überdies machen sie sich keine Illusionen über die neue globalisierte Situation. Sie wissen, dass keine Herkunftsprivilegien mehr zählen, sondern nur Leistungsausweise - und sie nehmen es heiter und dankbar hin. Wogegen wir Einheimischen immer noch glauben, wir wären die Auserwählten der göttlichen Vorsehung und reagieren entsprechend beleidigt, wenn wir mit gleich langen Spiessen antreten müssen.

Ich fürchte, diese Beleidigtheit ist einer der Hauptgründe für die Abwehr der Fremden. Die sogenannt kleinen Leute hier fürchten, die Zeche für die Globalisierung bezahlen zu müssen. Stimmt auch irgendwie. Aber man kann sie nicht unter Heimatschutz stellen. Denn diese Heimat profitiert - siehe Kioskvergleich - von Zugewanderten. Und irgendwie müssen wir doch alle wollen, dass die Heimat profitiert.

Es ist immer dasselbe: Wenn der ökonomische Wandel so verläuft, dass Privilegien umverteilt werden und Armut entsteht, dann beginnt man, Fremde, Einwanderer, Asylsuchende als bedrohlich zu empfinden; dann kommt Rassismus ins Spiel. Er suggeriert den einheimischen Unterprivilegierten, jenen, die zu kurz kommen: Ihr seid immerhin Angehörige des einheimischen Stammes, der herrschenden Rasse. Gleichzeitig geschieht ein Zweites: Die Fremden werden benützt, um die Unterprivilegierung zu erklären. Ob Wohnungsnot oder Arbeitslosigkeit: die rassistische Ideologie führt die Missstände nicht darauf zurück, dass die Gesellschaft unfähig ist, die Probleme zu meistern, sondern auf die Fremden: Gäbe es sie nicht, wäre alles in Ordnung.

Ein fataler Trugschluss. Unseren Wohlstand retten wir nur, wenn wir global im Rennen bleiben. Da hilft keine Trotzreaktion, kein Rückzug ins Schneckenhaus. Wer sich nicht bewegt, ist blitzschnell weg vom Fenster. Selbstgenügsamkeit schädigt sich selber. Also gebietet die Klugheit: Lassen wir die andern rein - wenigstens am Kiosk, im Spital, im Bau, wo wir uns sowieso zu vornehm sind.

So viel zum zweiten, zum ökonomischen Missverständnis. Und jetzt zum letzten:

 
III. DAS POLITISCHE MISSVERSTÄNDNIS

Politisch brisant wurde das Thema «Schweizer sein – Schweizer werden» letztes Jahr zunächst in Emmen. Sie kennen die Geschichte – Motto «Einbürgerung vors Volk» – , ich will sie nur kurz aus meiner Sicht interpretieren: Spielt das Volk Schweizermacher, muss es die Kandidaten kennen. Ist das, wie in Emmen, nicht der Fall, entscheidet es nach Kriterien, die mal sympathiebesetzt sind, mal angstbesetzt: hier die gute «Italienerin mit Kind», da die schrecklichen «Jugos». Lauter Phantome, hinter denen das Individuum, die Person, der Mensch keine Chance hat. Und der Rechtsstaat auch nicht. Politik fällt zurück in die Mentalität von Stammeshorden.

Dann kam Beromünster. Keine anonyme Urnenabstimmung, eine offene Bürgerversammlung. Die Kandidatinnen waren bestens bekannt. Dennoch: Päng, abgelehnt. Das war ein härterer Schlag ins Nervenzentrum der Demokratie. Den Emmer konnte man noch zugute halten, sie hätten nicht gewusst, was sie taten. Die Beromünsterer wussten es sehr genau.

Nun kann man die Frage staatspolitisch stellen. Zum Beispiel so: Ist es klug, dass Beromünsterer entscheiden, wer Schweizerin werden darf und wer nicht? Eine gute Frage, denn natürlich interessiert die Beromünsterer das Beromünsterertum, nicht das Schweizertum. Ich klammere den Aspekt gleichwohl aus. Mich interessiert, nach welchen Kriterien Beromünsterer (und andere) entscheiden – und welche Kriterien sie ausser acht lassen. Ich sehe da ein paar Probleme. Die will ich behutsam erörtern.

1. Ein banaler Vergleich. Ich selber muss ja immer wieder im Unternehmen, in dem ich tätig bin, mitentscheiden, wer neu eingestellt wird, als Verlagsleiterin, als Wirtschaftschef usw. Dann frage ich natürlich auch: Wer passt zu uns? Aber ich frage nicht: Wer ist genau wie wir? Sondern: Wer passt zu den Zielen, die wir haben? Und dann: Wer hat eine Tüchtigkeit, die wir noch nicht haben? Das heisst: Ich suche Leute, die mit unseren Idealen übereinstimmen, aber anders sind als wir. Nur das hält eine Gemeinschaft, in meinem Fall einen Verlagskonzern, lebendig, vif, zukunftstauglich. – Und tatsächlich denke ich: Genau so verhält es sich mit politischen Gemeinden. Halten sie alles Neue, Fremde, Andersartige ängstlich von sich fern, können sie sich gleich als grosses Altersheim organisieren. Leben heisst Erneuern. Erneuerung aber kommt immer von aussen, aus der der Neugier aufs Andere, durchs Einverleiben des Unvertrauten.

2. Ein Zugeständnis. Ich weiss: Der Alltag lebt von Routinen, und das Fremde ist der Feind aller Routine. Also ein Ärgernis, eine Irritation. Ich gehöre auch nicht zu denen, die verkünden, Multikulturalität sei ein fulminantes Volksfest – Kebab plus Sushi plus Mc Donalds. Nein, ich weiss, Multikulturalität ist ganz praktisch, ganz konkret zunächst und vor allem ein Problem: in den Schulen, am Arbeitsplatz und gelegentlich am Schalter des Sozialamtes.

3. Ein zweites Zugeständnis. Selbstverständlich ist es legitim, eine politische Gemeinde nicht nur als wirtschaftliche Zweckgemeinschaft zu betrachten. Die Frage ist nur: als was dann? Doch wohl nicht als Blutsgemeinschaft? Nichts gegen die Korporationsgemeinde Beromünster, aber gäbe es die ohne Blutsauffrischung überhaupt noch? Noch einmal: als was dann? Als Mentalitätseinheit? Was aber heisst das? Jassen können, reinen Michelsämter Dialekt sprechen, im Kirchenchor singen? Nichts dagegen. Es ist der Wunsch nach dem störungsfreien Zusammengehörigkeitsgefühl, es ist die Hoffnung, unter seinesgleichen glücklicher leben zu können als unter Fremden, es ist die Sehnsucht, einer harmonisch schwingenden Gruppe anzugehören.

4. Ein Einwand. Was aber ist daran Politik? Regeln wir unser Zusammenleben über Stammesrituale und Hordenmentalitäten, dann brauchen wir überhaupt keine Politik. Das passiert von selbst. Politik ist erfunden worden als Gegeninstanz zu dieser naturhaften Stimmungsdiktatur. Weil man irgendwann realisiert hat: Die ungebremste Herrschaft der Gruppenmentalitäten ruiniert die Gesellschaft. Das geschah im 17. Jahrhundert, nachdem im 16. Jahrhundert – Glaubenskriege! – halb Europa sich im Namen der richtigen Gesinnung wechselweise niedergemetzelt hatte. Seither versucht der Staat, einigermassen gesinnungsneutral zu sein. Er richtet sein Handeln nach Rechtskriterien aus: Frieden, Menschenwürde, Gerechtigkeit. Die Bürger des modernen Staates müssen sich nicht lieben, sie müssen emotional nicht gleichschwingen; sie müssen nur, das aber unbedingt, der Verfassung gehorchen.

Das ist das moderne Staatsverständnis seit zwei-, dreihundert Jahren. Nur hat es, fürchte ich, Beromünster noch nicht erreicht. Hier dominiert das mittelalterliche Kasten- und Stammesdenken weiterhin. In drei konzentrischen Kreisen: Korporationsgemeinde, Bürgergemeinde, Einwohnergemeinde. Und alles, wie anno dazumal, geeint über Familienbande und Verhaltenskodex. Das hat seinen musealen Charme. Gefällt sogar mir, gefühlsmässig. Doch wer eine Gemeinschaft auf gefühlsmässige Übereinstimmung baut, krallt sich an ein zukunftsloses Auslaufmodell. Eine Gemeinde, die sich über private Vertrautheitskriterien organisiert, ist keine politische Gemeinde, sondern ein Clan. Von Clans aber wissen wir: Sie überdauern ein paar Generationen, dann verfallen sie. Der Grund: Inzucht macht moribund.

5. Noch ein Einwand. Politik ist nicht zur Pflege des kollektiven Wohlgefühls da. Sie muss das Interesse des Ganzen wahren, das so genannte Gemeinwohl – und dazu gehören auch die künftigen Generationen, nicht nur die gerade aktiven und pensionierten. Wenn aber diese künftigen Generationen, also die Frischgeborenen und die Heranwachsenden, eine Chance haben wollen, dann müssen sie in einem durchmischten Klima heranwachsen: in einem Klima, das zwar die traditionelle Nestwärme bietet, aber auch den Luftzug der grossen weiten Welt in dieses Nest wehen lässt. Nur in dieser Spannung von daheim und draussen werden sie Beromünsterer bleiben und in der neuen Gesellschaft eine Rolle spielen können. Sonst wird Beromünster erleben, was jeder Provinz heute blüht: die Bedeutungslosigkeit. Die Logik ist gnadenlos: Wer die Welt ausschliesst, wird selber ausgeschlossen.

Ich kam kürzlich mit einem ziemlich bedeutenden Luzerner Unternehmer ins Gespräch. Was er mir sagte, gab mir zu denken: Er finde heute in Luzern keinen Gesprächspartner mehr. Alle, die mit der sog. neuen à–konomie mitziehen, seien weggezogen, nach Zürich, London, Frankfurt. Auch wenn das nur die halbe Wahrheit wäre: Es geht verdammt schnell mit der Provinzialisierung. Die einzige Chance, die wir dagegen haben, heisst Durchmischung. Motto: Die Welt ins Dorf holen! Die einfachste Methode: Einbürgern. Nur so lässt sich arrangieren, was für alle das Beste wäre: die Kombination von dörflicher Beheimatung und globaler Konkurrenztüchtigkeit.

6. Eine allerletzte ungebetene Einmischung. Sie haben sicher gemerkt, meine Damen und Herren: Ich argumentiere nicht mit Edelwerten wie Menschenliebe, Mitmenschlichkeit etc. Ich betrachte alles unter dem Gesichtspunkt des wohlverstandenen Eigennutzens. Nur jetzt, ganz zum Schluss, muss ich einen Wert wenigstens ansprechen, der nicht im Nutzenkalkül aufgeht, sondern absolut zu gelten hat: das Prinzip Menschenwürde - dass jeder Mensch nicht nur einen Tauschwert hat, einen Selbstwert. Und ich behaupte: Die jungen Suters und Herzogs und Stockers in Beromünster gewinnen nur dann eine Perspektive, wenn sie sehen: Hier wird jeder Mensch als Individuum mit seinen Rechten und Pflichten betrachtet, nicht primär als Sippenmitglied, nicht allein seiner Herkunft nach eingeschätzt, sondern als Mensch, als Person geachtet, als Bürger dieser Menschenwelt respektiert. Nur so erfahren die jungen Suters und Stockers, dass sie in eine Gemeinschaft hineinwachsen, in der für alle dieselben Rechte gelten, in eine offene Gesellschaft, in der weniger die Herkunft zählt als der Beitrag für Zukunft. Nur so würde offenkundig, dass sogar dieses historisch einmalige Beromünster ein kleiner Teil der modernen Welt ist.