Wie die Schweiz entstanden ist, wie sie weiterlebt und wer dazu gehört

Prof. Dr. Georg Kreis, Basel (Historiker Universität Basel)

Download als PDF-Dokument (33 KB)

Die nachfolgenden Überlegungen sind, auch wenn der Titel dies zunächst nicht vermuten lässt, ebenfalls eine Auseinandersetzung mit der Frage, ob die Schweiz aussterbe; eine Auseinandersetzung, die allerdings weniger darauf abzielt, diese Frage direkt zu beantworten, sondern eher dieses Fragen zu ihrem Gegenstand hat, sich also mit der Frage befassen will, was die Frage meint und warum die Frage gestellt und wie die Frage verstanden wird.

Stirbt die Schweiz aus? Diese Frage ruft sogleich nach der Frage, welche Schweiz denn gemeint sei und wie diese Schweiz, die da sterben könnte, denn gleichsam zur Welt gekommen ist. Die «ewige» Schweiz der Alpenfirne und Wildbäche dürfte mit diese Frage nicht gemeint sein; sie hat es sozusagen schon vorher gegeben und wird es auch nachher noch geben, inklusive Voralpen, Mittelland - mit Beromünster - und der Jurakette; vorher allerdings ziemlich unberührt, nachher allerdings ziemlich abgenutzt.

Die Frage, wie die Schweiz entstanden ist, zielt natürlich nicht auf die Frage, wann welche geologische Ablagerung, Faltung oder Verwerfung auf den rund 42'000 km/2 Erdoberfläche vor Abermillionen Jahren zwischen dem künftigen Genfer- und Bodensee stattgefunden hat. Die Frage zielt auf anderes, es tut uns aber gut, wenn wir über das Leben nachdenken, dies – wie Goethe – angesichts der Urgesteine unserer Umgebung tun.

Was aber meint denn die Frage, ob die Schweiz sterben könnte? Ist es unsere Ordnung und/oder unser Wertsystem? Diese Dinge pflegen eigentlich nicht zu sterben, sondern zu erodieren, zu zerbrechen, sich aufzulösen und sich zu verflüchtigen. Sterben können eigentlich nur Lebewesen. Also nicht die Schweiz, sondern die Schweizer und Schweizerinnen, und diese sterben mit Sicherheit alle einmal, sie verstehen sich vielleicht zwar gerne als Angehörige eines Sonderfalls, sind aber diesbezüglich sicher nichts Aussergewöhnliches: Sie sterben, wie überall in Westeuropa, mit stets höher werdendem durchschnittlichen Sterbealter. Das Problem ist aber wohl weniger, dass sie als Individuen sterben, sondern das sie Spezies aussterben könnten. Und Aussterben setzt voraus, dass es sie in stets geringerer Zahl gibt, während es andere in stets grösserer Zahl gibt und dass von einer gewissen Unausgeglichenheit der Zusammensetzung die einen beschleunigt ab- und die anderen beschleunigt zunehmen.

Spätestens hier muss man sich fragen, was die einen, die aussterben könnten, von den anderen, die offenbar nicht aussterben, unterscheidet. Was sind Schweizerinnen und Schweizer, was macht sie aus? Man kann diese Frage auf mindestens drei Arten beantworten:

1. Schweizer und Schweizerinnen sind diejenigen, die von Schweizer und Schweizerinnen abstammen.
2. Schweizer und Schweizerinnen sind diejenigen, die schweizerische Werte pflegen können und pflegen wollen.
3. Schweizer und Schweizrinnen sind diejenigen, die seit einiger Zeit in der Schweiz leben und diese zur Heimat haben.

Kategorie 1 und 2 werden zuweilen vermischt oder stützen sich gegenseitig: Weil man schweizerischer Abstammung ist, sind einem auch schweizerische Werte wichtig, oder umgekehrt: Man kann eigentlich nur dann schweizerische Werte pflegen, wenn man auch schweizerischer Abstammung ist. Direkt würde niemand behaupten, dass die Schweizer und Schweizerinnen biologisch definiert seien. Historische und rechtliche Definitionen nähren aber trotzdem biologistische Vorstellungen dieser Art.

So bestimmt unsere Rechtsordnung, dass Staatszugehörigkeit und Staatsbürgerschaft noch immer über die Blutsbande definiert werden, es gilt das Prinzip des ius sanguinis: Wer kein Schweizer Blut in den Adern hat, kann nicht Schweizer sein, selbst wenn er in diesem Land geboren ist und nach dem Prinzip des ius soli in anderen Ländern, z.B. in Frankreich oder in den USA automatisch Bürger dieses Landes wäre. So kann ein Auslandschweizer mit dem Land völlig unvertraut sein und trotzdem Schweizer sein, sogar politische Rechte ausüben, während ein mit dem Land vertrauter einheimische Ausländer als Mitbewohner 2. Klasse eingestuft wird. Damit zeigt sich, dass sich die Schweiz trotz aller Sonntagsreden über die moderne Willensnation im tiefsten Innern als germanische Stammesnation mit eigenen Wasserquellen und Jagdgründen versteht. Damit sind wir vom Recht auf die Geschichte gekommen.

Die Vorstellung von der Abstammungseinheit werden von mächtigen Geschichtsbildern genährt. Die Generation des Vorredners und des Jetztredners wird sich an die eindrücklichen Schulwandbilder erinnern im Typus «Höhlenbewohner erlegen ein Mammut». Dass die Mammutjäger die ersten Schweizer waren, das hat uns der 1977 herausgebrachte und sicher in der «Weltwoche» vorabgedruckte Bestseller der an sich ernst zu nehmenden Frühzeithistorikern Christin Osterwalder mit dem Titel «Die ersten Schweizer» (Bern Scherz Verlag) in Erinnerung gerufen. In Erinnerung darum, weil wir das eben in der Volksschule schon gehört haben. Sucht man den Osterwalder-Titel im Internet, findet man ihn denn auch in unzähligen Bibliotheken der Pädagogischen Dokumentationsstellen nachgewiesen. Dieses Buch dürfte da wohl stärker verbreitet, also präsenter sein als beispielsweise das Buch von Daniel Cohn-Bendit/Thomas Schmid mit dem ebenfalls sprechenden Titel «Heimat Babylon. Das Wagnis der multikulturellen Demokratie» (Hamburg 1992). Die Höhlenmenschen vom Wildmannlisloch und anderen Löchern waren gemäss einem naheliegenden und trotzdem sehr fragwürdigen Verständnis darum Schweizer, weil sie ein Stück Erde bewohnten, auf dem sich Jahrhunderte später ein Verteidigungsbündnis namens «Eidsgenossenschaft» bildete, das sich wiederum über Jahrhunderte erweiterte und vertiefte (Klammer: wie die EU es heute schneller tut).

Noch «schweizerischer» als die Höhlenbewohner waren allerdings, nicht in der direkten Wirklichkeit, aber im Geschichtsbild, die Pfahlbauer mit ihren sauberen Häuschen über dem Wasser, ihrem Kleinhandwerk und ihrer beinahe bürgerlichen Kultur, was – gewiss um einen kleinen Realitätskern - vor allem ein Phantasiefrucht des späten 19. Jahrhunderts ist und ebenfalls über die erwähnten Schulwandbilder und entsprechende SJW-Heftchen Einzug auch in unsere jungen Köpfe gehalten hat.

Urschweizer besonderer Qualität sind natürlich die Helvetier, deren Anführer Divico (noch immer mit Bärenfell) die Ahnenhalle der schweizerischen Höhenstrasse der «Landi 1939» anführen durfte. Mit den Helvetiern bekam unsere Vergangenheitsvorstellung insofern eine neue Qualität, als damit die Stammesgeschichte einsetzte und die Bewohner des Voralpenraumes, des Mittellandes (inklusive Beromünster) und der Jurahänge als spezifische Gruppe der Kelten zwei wesentlichen Dinge zugesprochen erhielten: 1. die Eigenschaft einer Grossfamilie mit Blutsverwandtschaft und 2. Rudimente einer Staatsordnung. Nicht dass damit die Schweiz bereits «entstanden» wäre. Die schiefe Preisfrage nach der Entstehung der Schweiz lässt sich ohnehin nicht mit einem bestimmten Zeitpunkt beantworten. Sogenannte Entstehungsmomente der heutigen Schweiz liegen ohnehin weit näher bei der Gegenwart, z. B. 1798 oder 1848.

Die Vorstellung, dass die Schweiz sterben beziehungsweise die Schweizer und Schweizerinnen aussterben können, sind m. W. gemessen an der Menschheitsgeschichte oder auch nur der Schweizergeschichte jüngeren Datums. In den glanzvollen Zeiten des Alten Eidgenossenschaft gab es wohl die am barocken Tugend- und Lasterkodex orientierte Vorstellung, dass die Schweiz vom guten Weg abgekommen sein könnte, sich moralisch regenerieren müssen. Die Sorge, dass die biologische Regeneration oder Reproduktion zu wünschen übriglasse, war ein sozialdarwinistische Sorge des späteren 19. Jahrhunderts vor allem bei den grossen Nachbarn, jedoch nicht in der kleinen, dicht bevölkerten und von Auswanderung (Export von sog. «Überschussbevölkerung») gezeichneten Schweiz.

Als aber die Geburtenrate seit 1920 kontinuierlich und drastisch sank, reagierten besorgte Bevölkerungspolitiker mit Alarmrufen. Es war von «kollektivem Selbstmord» die Rede, den Frauen wurde vorgeworfen, ein zu bequemes luxuriöses Leben anzustreben, die Männer wurden an ihre Zeugungskraft erinnert. Per Landesausstellung, Heftchen und Radio, angeführt von Bundesrat Philipp Etter, wurde die Botschaft verbreitet, ein Volk ohne Kinder sei dem Untergang geweiht, die Quelle des Lebens versiege, vorab in den Städten, eine «Offensive des Lebens» sei nötig, damit die Schweiz nicht vergreise etc.

Der Appell war nationalistisch und appellierte an fremdenfeindliche Instinkte. Obwohl die Ausländerzahlen in der Zwischenkriegszeit laufend zurückgegangen waren und sich der Ausländeranteil zwischen 5% und 8% bewegten, glaubte man zugleich vor «Verausländerung» und «Überfremdung» warnen zu müssen. Von den rund 257‘000 «Landesfremden», die zwischen 1910 und 1939 aus der Statistik verschwunden sind, seien über 200'000 entweder über Einbürgerung oder Heirat zu Schweizern geworden, ohne dass man sicher sein könne, dass dem auch «ein Wandel zu echt schweizerischer Gesinnung» vorausgegangen sei. Derartige Sorgen wurden nicht von einem verirrten Politiker geäussert, sondern vom Direktor des Eidg. Statistischen Amtes anlässlich der «Landi 39» in einer offiziellen Schrift unters Volks gebracht. Die in der Schweiz Ausländer (damals zu 44% Grossdeutsche) würden etwa der Einwohnerzahl der Kantone Uri, Schwyz, Unterwalden, Luzern und Zug (nämlich 358'000) entsprechen. Bekannt ist die Kritik, dass die Schweizer nicht konsequent nur Schweizerinnen heiraten würden: An der «Landi 39» wurde der Vorwurf erhoben, dass jeder 8. Schweizer eine Ausländerin heirate (was nachher ein Filmsujet abgab), und dies wurde mit der Vermutung verknüpft, dass diese Heirat darum zustande komme, weil diese Ausländerin weniger anspruchsvoll sei. In der erwähnten Broschüre wurde angezweifelt, dass diese Ausländerin in der Lage sei, «unsere Jugend in gutem Schweizersinn (zu) erziehen». Obwohl die Vorbehalte politisch und kulturell waren, steckte in dieser Kritik auch ein völkischer Ansatz.

Und siehe da: Während die schweizerische Bevölkerung (die niedergelassenen Ausländer einfachheitshalber mitgezählt) 20 Jahre gebraucht hatte, nämlich von 1918-1938, um eine Bevölkerungszunahme von 310'000 Menschen zustande zu bringen, gelang in die Hälfte der Zeit, nämlich von 1938-1948, eine Zunahme um rund 400'000. Nach der Erholung von den Krisenjahren von 1933-1936 hat 1939 tatsächlich eine rapide Zunahme der Geburtenrate eingesetzt, bis 1945 entstand ein Geburtenberg (zu dem auch ich gehöre), der sich später als Engpass in den Schulen und Universitäten auswirken und, einmal selber in der Reproduktionsphase, wiederum geburtenstarke Jahrgänge produzieren sollte. Wir können nicht lange bei der spannenden Frage verweilen, warum ausgerechnet während des Krieges die Zahl der Geburten stark zunahm. Wenn man die Zunahme der Geburten als Reaktion auf ein Ansteigen der Bedrohung in den Kriegsjahren deutet, müsste man erklären, warum in den Jahren 1914-1918 die Geburten nicht ebenfalls anstiegen, sondern stark zurückgingen. Wir müssen uns hier mit der Feststellung begnügen, dass man um 1939 den Niedergang überschätzte, wie man um 1964 an der «Expo 64» und andernorts (der Name Kneschaurek mag in diesem Zusammenhang haften geblieben sein) die Wachstumsperspektive zu hoch ansetzte, indem man mit etwa 10 Mio. für die bereits hinter uns liegende Jahrhundertwende rechnete.

In den eigentlichen Kriegsjahren und in den ersten Jahren des Kalten Krieges war das generative Klima günstig. Die Hochkonjunktur konservativer Werte und der Wunsch nach Geborgenheit in der Familie prägten (nicht nur in der Schweiz) das Reproduktionsverhalten. Nach 1950 kam der Wohlstandsanstieg hinzu, der die Verwirklichung eines konservativen Lebensverständnisses ermöglichte, wie später der nochmals angestiegene Wohlstand in den Nach-68er-Jahren – gegenläufig - die Verwirklichung der anspruchsvollen Berufs- und Freizeitambitionen gestatte.

Nach 1964 setzte bekanntlich ein massiver Rückgang des Gesamtfruchtbarkeitsindexes ein, von der ausserordentlichen Höhe von 2,6 Geburten pro Frau zurück auf 1,28 Kindern in unseren Tagen, dies (wir haben‘s gehört) bei einem Selbsterhaltungsdurchschnitt von 2,1 Kindern pro Frau. (1870 noch bei 4, 1921/25 bei 2,4, 1937 bei 1,8 erstes historisches Tief). Hauptgründe für den Rückgang sind nicht die Pille und Egoismus , sondern die zunehmende Berufstätigkeit der Frauen und der Entscheid für den Beruf im Falle eines Interessenkonflikts. Dies ist bei den Frauen mit 41% das wichtigste Motiv, kinderlos zu bleiben. Hinzu kommen viele andere Motive. Ich nenne, gestützt auf den von mir sehr geschätzten Bevölkerungssoziologen François Höpflingen, nur noch eines: die Tendenz «Qualität» durch «Quantität» zu ersetzen, die Intensivierung der Eltern-Kind-Beziehung als Ursache für minimale Familiengrössen. Die Ein-(max. Zwei)-Kind-Lösung scheint bezüglich des Nutzen/Kosten-Verhältnisses von erwünschtem Erlebnis und unerwünschten Einschränkung die ideale Lösung zu sein.

Und heute fragen wir uns erneut, ob die Schweiz ausstirbt. Diese Frage wird seit etwa 20 Jahren immer wieder gestellt. 1985 tat es die Schweizerische Gesellschaft für Statistik und Volkswirtschaft. 1998 befasste sich die Gesellschaft für bedrohte Völker (Bern) mit der Frage, allerdings nicht, weil man diese Sorge geteilt hätte, sondern weil sie aus dem grossen Publikum im Zusammenhang mit den Forderungen für Entschädigung von Holocaust-Opfern immer wieder mit der Frage konfrontiert wurde: Warum sorgt Ihr Euch immer um andere und nicht um uns? Die etwas sonderbare, den kollektiven Körper betreffende Besorgtheit ad absurdum führend und ironisierend, meldete sich 1999 ein Journalist und errechnete, dass gemäss einer Formel der Bevölkerungsbiologie bei einem Durchschnittsalter der Frauen von 28,5 Jahren im Zeitpunkt der ersten Geburt, 1000 Jahre oder 34 Generationen vergehen würden, bis das Volk von 7 Mio. (in dem die niedergelassenen Ausländer grosszügig mitgezählt worden sind) auf 0 geschrumpft wäre.

Manche würde es, wie schon in der Zwischenkriegszeit, auch nicht beruhigen, wenn wir gemäss dem genannten 2. Punkt feststellen könnten, dass die Einwanderung das Geburtendefizit ausgleichen hilft und dass unabhängig von der Staatsbürgerschaft in diesem Land viele Menschen leben, die dem Pass nach zwar keine Schweizer sind, aber sogenannt schweizerische Werte pflegen, Arbeitsfleiss zeigen, Sparsamkeit pflegen, Ordnungssinn aufweisen und sogar Polizistinnen werden wollen. Es ist nämlich ein Faktum, dass viele sog. Ausländer bezüglich Lebensstil schweizerischer sind als Schweizer und Schweizer, wenn schweizerisch eben heisst, ein solide mittelständisches Leben zu führen.

Die ausländische Wohnbevölkerung ist (obwohl gerade das aus einer bestimmten Perspektive wiederum als wenig erwünscht erscheint) etwas fleissiger im Kindlein-auf-die-Welt-Stellen. Gestützt auf einen Brückenbauer-Report von 1988, der ebenfalls zeigt, wann und auf welcher Ebene die Schwund-Problematik gepflegt wird, sei aber darauf hingewiesen, dass die damalige sog. Gebärfreudigkeit einerseits der Schweizerinnen und andererseits der Nichtschweizerinnen nur um 0,2 zwischen 1,5 und 1,7 Kindern pro Frau differierte. Nur 0,2 sagt man, wenn man beruhigen will. Man kann die zusätzlichen 0,2 aber auch als Leistung würdigen und anerkennen, dass schon damals – 1988 - Nichtschweizerinnen einen höheren Beitrag an die Sicherstellung des schweizerischen Nachwuchs leisteten, wie die ausländische Wohnbevölkerung überhaupt proportional stärker an der kollektiven Arbeitsleistung der Schweiz beteiligt ist: Die Erwerbsquote der Ausländer/innen betrug 1997 bei 70,5%, bei Schweizer/innen dagegen nur bei 60,3%. Wer diese Beruhigung braucht, dem sei gesagt, dass sich das Reproduktionsverhalten der einwandernden Bevölkerung im allgemeinen schnell der alteingesessen Bevölkerung beziehungsweise den in diesem Lande herrschenden Lebensbedingungen anpasst.

Spezialisten der Bevölkerungspolitik können die komplexen demographischen Prozesse nach den verschiedensten Gesichtspunkten analysieren, sie sind sich aber im allgemeinen einig, dass die demographische Entwicklung von keiner gesellschaftlichen Instanz gesteuert werden kann. Wenn man diesbezüglich social engineering betreiben will, dann geht das sicher nicht mit direkten Appellen, sondern nur mit flankierenden Massnahmen, wobei selbst «Familienpolitik» oft zu eng mit kollektiven Vermehrungsinteressen verknüpft und insofern dubios ist. Natürlich könnte man und sollte man familienfreundlichere Gesellschaftsbedingungen haben, durch den Abbau steuerlicher Benachteiligung, durch vermehrte Schaffung von Tagesschulen, durch flexible Berufsbedingungen für Frauen, attraktive Wiedereinstiegsbedingungen nach den Kinderjahren etc. Entscheidend ist das gesellschaftliche Klima, und das lässt sich schwer beeinflussen. Es hat aber niemand 1939-1945 Kinder auf die Welt gestellt, um die kollektiven Überlebenschancen des Volks der Eidgenossen zu sichern, wie auch heute niemand in Europa Kinder hat, damit Europäer ein genügend starkes Gegengewicht zu Nichteuropäern bilden.

Wenn man aber Einfluss nehmen will, dann sollte man es nicht da tun, wo wenig zu machen ist (insbesondere nicht mit komischen Appellen an die Zeugungsverantwortung der alteingesessenen Bevölkerung). Wenn man Einfluss nehmen will, dann bietet sich uns ein breites Feld des gesellschaftlichen Engagements an: Wir können nämlich be-sorgt sein, dass die Lebensqualität derjenigen, die wir gemäss dem 3. Punkt als Schweizer und Schweizerinnen bezeichnet haben, weil sie seit einiger Zeit in der Schweiz leben und diese zur Heimat haben, unseren tatsächlichen oder angeblichen Werten entsprechen. Dazu gehört: Dass wir allen Menschen, die hier faktisch ihre Heimat haben, berufliche Entfaltungsmöglichkeiten geben (etwa die Möglichkeit Polizistinnen zu werden) und dass wir ihnen unabhängig von ihrer Nationalität gemäss unserem demokratischen Ideal nach einer bestimmten Frist auf kommunaler und kantonaler Ebene politische Mitbestimmungsrechte geben (wie dies ohne negative Folgen in NE seit 150 Jahren und im Kanton JU seit über 20 Jahren der Fall ist).

Die Schweiz wurde und wird (soweit einem das überhaupt noch interessiert) hauptsächlich über die Geschichte und ein ganz klein wenig über die Politik definiert. Das heisst, nicht über Blut und «Rasse», nicht über Sprache und Religion. Und das soll uns ja auch recht sein, aber – und dies sage ich als Historiker: Die Geschichtslastigkeit und damit die Rückwärtsorientiertheit, ja Vergangenheitsverfallenheit schadet der Schweiz. Politisch ist die Schweiz nur in geringem Masse definiert. Die Schweiz ist vor allem nur noch das, was sie geworden ist und was sie glaubte, gewesen zu sein und kaum das, was sie noch werden will. Noch immer definieren wir die Schweiz viel zu stark über Geschichte, am liebsten über die Metapher des langsam gewachsenen und darum aus hartem Holz beschaffenen Baumes mit den sich entfaltenden Kantonszweigen und den historisch begründeten Staatsprinzipien der Souveränität («keine fremde Richter») des Föderalismus, der Direkten Demokratie, der Neutralität und auch ein wenig der Humanität. Als Erfolgsgeschichte, als Geschichte der harmonischen Entwicklung und als Geschichte eines einigen und einheitlichen Volkes.

Spätestens hier muss man sich weiter fragen, ob es – abgesehen von dieser hochentscheidenden-nichtssagenden Staatsbürgerschaft – die Schweizer und Schweizerinnen überhaupt gibt. Dem wachsenden Pluralismus der sozialen Realität stehen noch immer zahlreiche stereotypen Vorstellungen vom Schweizertum und der Suissitude gegenüber. In Abwandlung des schockierenden Sevilla-Spruchs von Ben Vautier 1991 kann man ohne weiteres zum Schluss kommen: «Les Suisses n’existent pas.» Es gibt die Schweizer und Schweizer nicht, also können sie auch nicht sterben oder aussterben. Was es gibt, das sind in der Schweiz lebende Menschen, sicher einmal unterschiedlichen Geschlechts und Alters, unterschiedlicher Sprache, Religion und Konfession, Bildung und Berufstätigkeit, Arbeitsmoral, mit unterschiedlichen Vermögensverhältnissen, unterschiedlicher Gesundheit, unterschiedlichem Freizeitverhalten und unterschiedlichen Vergangenheitserfahrungen und Zukunftserwartungen. Aber auch mit unterschiedlichen Ordnungsvorstellungen und Wertsystemen.

Ich meine, dass wir (wie andere Gesellschaften in anderen Fällen) rechtfertigen müssten, warum die 42'000 km² (bzw. gerade diese 0,028% der weltweiten Landfläche) auf dem 47. Breitengrad der Erde «uns» gehören. Das gängigste Argument, dass man das Land der Altvorderen, der Väter und Vorväter, die schon bei Sempach etc. geerbt und zur weiteren Verteidigung anvertraut erhalten habe, dieses Argument mag gegen aussen genügen, es genügt aber nicht vor uns selber im inneren Dialog. Die Legitimation von Ansprüche mit Hinweis auf historische Erstbenutzung von Lebensraum hält aber einer kritischen Überprüfung nicht stand und ist zum Beispiel bereits vor über 100 Jahren als absurd bezeichnet worden:1882 machte der bekannte französische Denker Ernest Renan im Streit um Elsass-Lothringen darauf aufmerksam, dass vor den Germanen die Kelten das Land bewohnten und vor den Kelten die Allophylen, Finnen und Lappen, und vor den Lappen seien es die Höhlenmenschen und vor den Höhlenmenschen die Orang-Utans gewesen.

Der Hinweis auf die Absurdität historischer Ansprüche ist freilich keine Lösung für das Problem, dass Zuwanderer hier und jetzt mit bereits etwas früher Dagewesenen ein Territorium sowie (was zwar in der Schweiz nicht im Vordergrund steht) ein günstiges Klima teilen sowie von der wirtschaftlichen und sozialen Qualität des Landes profitieren möchten. Das sog. Selbstbestimmungsrecht der Völker im allgemeinen, die Rechte der Eingesessenen der Einwanderung gewiss Grenzen setzt. Das helvetische Territorium von 41'284 km/2 steht zu Recht der Weltbevölkerung nicht beliebig zur Verfügung. Wer warum eingelassen wird, muss in einem gemeinsamen politischen Prozess ausgemacht werden. Dabei können eigennützige Überlegungen ins Gewicht fallen (Wer baut und flickt unsere Strassen, wer führt unseren Kehricht weg? Wer putzt in unseren Schulen und Spitälern? Wer hilf, unsere AHV finanzieren?) Mit Jürgen Habermas sei aber angemahnt, dass in diesem Abwägen nicht nur die eigene, sondern auch die andere Seite einbezogen und berücksichtigt werden muss. Dabei ist zu bedenken, dass viele europäische Einwanderungsländer (inklusive die Schweiz) bisher zweifach Profiteure gewesen sind, einmal durch die Möglichkeit, im vergangenen Jahrhundert sog. «Überschussbevölkerung» in aussereuropäisches Gebiet auswandern zu lassen; zum anderen in den Boom-Jahren nach 1945 durch den Beizug von fremden Arbeitskräften. Wenn man derart profitiert hat, könnte man auch einmal - Souveränität hin oder her - eine Haltung einnehmen, die den eng definierten eigenen Nutzen zum ausschliesslichen Kriterium macht.

Das territoriale Besitzanspruch muss vor uns selber gerechtfertigt werden durch das Bestreben, auf diesem Boden eine gute, d.h. menschen- und umweltfreundliche Gesellschaft zu unterhalten. Dazu gehört durchaus, dass wir die Schweiz unter anderem durch Einwanderungsrestriktionen vor einer Übernutzung schützen (Klammern: dabei sollte allerdings die Übernutzung durch Alteingesessene nicht vergessen werden). Zu dieser menschenfreundlichen Haltung gehört auch ein fairer Umgang mit dem sonderbaren Privileg, über Einbürgerungen, d.h. über die Aufwertung von nur halbmündigen Hintersassen zur hehren Kategorie der erstklassigen Vollbürger, später Hinzugekommene in den Kreis der nationalen Stammes-Brüder und -Schwestern aufnehmen zu dürfen. Damit wird sich wohl mein Nachredner noch befassen.