Volksfrömmigkeit in der Vergangenheit
Exemplarisch dargestellt an Objekten der Sammlung Dr. Edmund Müller

lic. phil. Dominik Wunderlin, Leiter der Abteilung Europa im Museum der Kulturen Basel

In den letzten Wochen und Monaten haben sich neue Begriffe in unseren Sprachgebrauch und in unsere Köpfe eingegraben, Begriffe, von denen es vielleicht der eine oder andere gar schafft, zum Wort oder zum Unwort des Jahres erklärt zu werden. Vielleicht ahnen Sie es bereits: Ich meine damit die Begriffe «Vogelgrippe», «Pandemie» und «Tamiflu».
Wir alle sind heute damit konfrontiert, dass etwas Gefährliches auf Europa zukommt und dass offenbar die Behörden und die Wissenschaft derzeit noch uneins sind, in welchem Masse wir tatsächlich bedroht sind, wie man die Gefahr abwendet oder wie man sich dagegen wirksam schützt. In der laufenden und über die Medien öffentlich gemachten Diskussion werden auch Statistiken zitiert, die uns bewusst machen, dass die Menschheit in ihrer ganzen Geschichte immer wieder mit Seuchen konfrontiert worden ist.
Während aber heutige Abwehrstrategien auf der wissenschaftlichen Forschung fussen, hatten unsere Vorfahren diese Kenntnisse noch nicht und waren darum den Krankheitszügen weitgehend ausgeliefert. Sie wussten wenig bis gar nichts über die Ursachen von Krankheiten und Seuchen oder zogen Schlüsse, die sich aus der Sicht der erst viel später auf den Plan tretenden medizinischen Wissenschaft als völlig verfehlt erwiesen. Denken wir da nur an die mittelalterlichen Pestzüge, wobei allein die Pestwelle von 1347 bis 1352 rund einen Drittel der gesamten europäischen Bevölkerung, also ca. 18 bis 25 Millionen Menschen, hinraffte. Mangels medizinischer Erklärungen machte man die Juden zu Sündenböcken und bezeichnete sie als Brunnenvergifter. In der Folge führte man deshalb vielerorts fürchterliche Judenpogrome durch, während sie andernorts gemeinsam mit weiteren sozialen Randgruppen wie den so genannten Zigeunern, den Behinderten und den Ausländern zum gefährlichen Einsammeln der Toten von den Strassen und aus den Häusern und zu deren Bestattung in Massengräbern gezwungen wurden.
Die Kirche, welche oft das Ihrige zur Verfolgung von Randständigen beitrug, deutete die Pest als erstes Zeichen für die Apokalypse, für das Ende der Welt. Diese Prognose machte das Volk gläubiger und liess eine Bewegung wie die Flagellanten entstehen, die sich öffentlich geisselten, um von ihren Sünden befreit zu werden. Der Glaube an die Strafe Gottes war allgemein, aber auch für manche Leute nützlich: Ärzte und Apotheker kreierten manches Gegenmittel, und allerlei Amulette fanden den Weg zu den verzweifelten Menschen.
Fand sich indes nicht wie im Falle der mittelalterlichen Pestzüge eine Gruppe wie die Juden als Schuldige, so vermutete man hinter kleinen wie grossen Leiden das Werk von bösen Mächten oder einen Zauber durch Menschen, die einem schlecht gesinnt waren.
Gegen diese unheilvollen Kräfte und Einflüsse, welche die Menschen und ihre Existenzgrundlagen bedrohten, wehrte man sich aber nicht nur durch obskure Amulette und Gegenmittel von Quacksalbern, sondern vor allem durch Fürbitten an die jeweils zuständigen Heiligen sowie durch den Gebrauch von Dingen, die als «sacra», heilig, geweiht galten. Nicht erst uns Heutigen kommt da zwar manches recht suspekt vor, was beim Volk lange verbreitet war und ungeteiltes Zutrauen genossen hatte. Es sei darum gleich auch bemerkt, dass diese geistigen Heilmittel keineswegs immer von der Amtskirche gerne gesehen und gefördert wurden oder gar deren Erfindung waren. Zwar gibt es «Mittel zum Heil», die von der offiziellen Kirche oder deren Exponenten «eingeführt» worden waren, doch viele Formen gingen von gläubigen Laien aus. Viele dieser oft jahrhundertealten Schutz- und Segensmittel haben zudem nicht selten ihren Ursprung in altem Wissen, und ihre Wertschätzung gründet auf vielen Einzelerfahrungen, die durch die Jahrhunderte hindurch gemacht wurden.
Manche der früher weit verbreiteten Schutz- und Heilmittel, die uns als heidnische Praktiken und «abergläubisches Zeugs» vorkommen, waren Teile einer «Geistlichen Hausapotheke», die gleich wie die Heilmittel des Apothekers wirkten, aber vor allem die Seele des Gläubigen stärken und heilen sollten. (Es sei hier auf die in der Barockzeit beliebte Darstellung von Jesus als Arzt oder Apotheker verwiesen. ) Ein Arzt wie Dr.med. Edmund Müller-Dolder (1870-1945) war durchaus froh, wenn er wusste, dass seine Patienten das Heil nicht nur in der ärztlichen Kunst und in den Pillen der chemischen Industrie suchten, sondern auch im gläubigen Vertrauen auf Gottes Hilfe. Das auch von seinem gleichnamigem Sohn (1898-1976) durchaus geteilte Interesse an «Sacra», die einst vor allem in dieser Region bekannt und gebräuchlich waren, hat zu einer eindrücklichen Sammlung von Objekten von bedeutendem Wert geführt.

Die religiösen Schutz- und Segensmittel, von denen ich hier sprechen werde, haben wir der Volksfrömmigkeit zuzuordnen. Dieser Begriff ist jedoch nicht unumstritten, weil er – so manche Kritiker – ohne Inhalt sei und einen Sachverhalt vorgebe, der so nicht vorhanden sei. Da es aber an einem überzeugenden Vorschlag für einen besseren und auch ideologiefreien Begriff mangelt, welcher die gelebte von der amtskirchlichen Frömmigkeit klar unterscheidet, bleibe ich bei der doch allgemein verständlichen Bezeichnung «Volksfrömmigkeit».
Und was deren Inhalt betrifft, halte ich mich an Wolfgang Brückner, den emeritierten Volkskundeprofessor aus Würzburg und einen der profundesten Kenner der Materie. Aus seiner umfassenden Definition, die er für die Brockhaus-Ausgabe von 1974 geliefert hat, seien einige Sätze wiedergegeben:
«Volksfrömmigkeit, eine Sonderbezeichnung der Volkskunde für Erscheinungen des Volksglaubens, soweit sie von Ãœberlieferungen der christlichen Konfessionen geprägt sind oder im Zusammenhang des kirchlichen Lebens stehen wie das volkstümliche Prozessionswesen, die Praxis der Heiligenverehrung und des Sakramentaliengebrauchs, die Wegekreuze und Feldkapellen, die brauchtümliche Ausschmückung der Jahresfeste, der Lebensstadien sowie des Tageslaufs, vor allem die solcher Welterfahrung und -gestaltung zugrunde liegende ‹geistliche› Kommunikationsweise in Bildern und Zeichen, weiterhin die geistlichen Lieder und Schauspiele.»

In Ergänzung dazu möchte ich betonen, dass wir unter Volksfrömmigkeit Formen des religiösen Verhaltens verstehen, die vor allem die Sinne und das Gemüt ansprechen und die Zeichenhaftigkeit bevorzugen. Volksfrömmigkeit ist geprägt durch Traditionen und beinhaltet auch ein religiöses Handeln im Alltag. Sie kann zwar regional unterschiedlich gefärbt sein, aber sie ist stets in weiten Teilen der Bevölkerung verbreitet und akzeptiert.

Aus der einst breiten Palette von Sakramentalien, wovon ja die Sonderausstellung 2005 im Dolderhaus eindrücklich Zeugnis ablegt(e), greife ich zunächst die Schabfiguren heraus.
Wir verstehen darunter kleine Gnadenbild-Kopien, die mittels einem zweiteiligen Model aus Ton geformt wurden. Dem Material mischte man angeblich Erde und Mörtel aus dem Gnadenort oder aus der Gnadenkapelle und auch etwas Reliquienstaub bei. Dies galt allerdings nur, wenn sie unter der Verantwortung der lokalen Geistlichkeit hergestellt und ausgegeben wurden. Um den Gläubigen zu garantieren, dass sie wirklich ein mit dem Segen der Wallfahrtspriester entstandenes Figürchen erwarben, wurden sie entsprechend gekennzeichnet.
Nachgewiesene Verkaufsorte von Schabfiguren in der Form des Gnadenbildes sind namentlich Altötting in Oberbayern und Maria Einsiedeln, aber Belege in vielen Sammlungen – auch in jener von Dr. Müller – weisen auf zahlreiche weitere Wallfahrtsorte. Die bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus Altötting gekommenen Schabmadonnen waren in der Regel geschwärzt, und auch jene aus Einsiedeln, die nicht im hellen Naturton blieben, sondern gefasst wurden, zeigen das schwarze Antlitz des Gnadenbildes.
Die Schabfiguren galten nicht einfach nur als kleines und günstig erwerbbares Andenken. Sie dienten nämlich auch als Heilmittel: Im Bedarfsfalle schabte man mit einem Messerchen an der Rückseite etwas von der Figur ab und reichte die Partikel dem Kranken in einer Suppe oder in einem Getränk. Man verleibte sich also minimalste Teile der als heilkräftig geltenden Sakramentalie gleich einer Arznei ein. Und was dem Menschen gut tun kann, wird auch dem lieben Vieh nützen: Man mischte in der Tat auch Partikel von Schabfiguren ins Futter eines kranken Tieres.

Miniaturausgaben der für heilkräftig geltenden Schabfiguren begegnen wir auch bei anderen Segens- und Schutzzeichen, so beim Breverl und beim Wettersegen.
Das oft amulettartig verwendete Breverl ist ein im Verständnis der Gläubigen immer geweihtes Heiltumstäschchen, das ich gerne als geistliche Taschen- oder Reiseapotheke zu bezeichnen pflege. Man bewahrte sie nämlich nicht bloss zu Hause auf, sondern trug sie lose am Hals oder Gürtel, hängte sie an die Fraiskette oder an den Rosenkranz oder nähte sie in Kleider ein.
Mit der Breve (von lat. littera brevis = kurzer Brief) resp. dem Breverl / Breferl ist ein kleines, meist vierfach gefaltetes Stück Papier mit Sprüchen und Bildern gemeint. Das vor allem im 18.Jh. verbreitete, kissen- oder polsterförmige Breverl ist vernäht, und dem Besitzer muss sein Inhalt unbekannt bleiben, da es sonst seine Schutzwirkung verliert. Für die Hülle verwendete man kostbare Stoffreste (z. B. Brokat), die häufig bestickt waren. Es gab auch Breverl mit einem Beschlag aus zinnernem Gitterguss oder aus Leder mit Silberbeschlag. Manchmal trugen die Breverl, welche auch gelegentlich herzförmig waren, auf der Aussenseite ein Bildchen. Namentlich die Heiltumstäschchen in Herzform wurden auch «Tüfelsjägerli» genannt und dienten vorwiegend zum Schutze von Kleinkindern, an deren Wiege oder Bettchen sie befestigt waren.
Öffnet man ein Breverl, so findet man im Innern einen neunteiligen Kupferstich, der die folgenden Darstellungen von Heiligen und heiligen Zeichen zeigen kann: Antonius von Padua, Muttergottes, Namen Jesu, Franz von Assisi, Jakob von der Mark, Erzengel Michael, Petrus von Alcantara, Franz Xaver, Ignatius von Loyola, Johannes von Nepomuk, Anastasius und oft eine Gnadenbildkopie, was dann auf die Herkunft des Schutzmittels aus einem bestimmten Wallfahrtsort hinweist. Das Herzstück ist der Mittelteil, wo sich eine merkwürdige Sammlung von miniaturisierten religiösen Zeichen mit Objekten aus dem «Naturglauben» vermischt findet: Neben einer ganz kleinen Schabmadonna sind dies meist ebenso kleine Ausführungen eines Benediktuspfennigs, einer Wallfahrtsmedaille («Zeieli»), eines Scheyrer Kreuzes, eines Ulrichskreuzes, eines Caravacakreuzes, eines Sebastianspfeiles oder einer Nepomukzunge, dazu Reliquienpartikel, ein Splitter von einem Agnus Dei sowie Berührungsreliquien aus Stoff, farbige Papierstückchen, Korallen, Palmkätzchen, Kräuter, Moose und Samen des Sefibaumes. Beigelegt sind ausserdem oft gedruckte Agathazettel, Benediktussegen, Dreikönigszettel, Exorzismuszettel oder das Glückselige Hauskreuz, das für sich schon eine Segensakkumulation darstellt.
Dieses Agglomerat von geistlichen Schutz- und Heilmitteln galt als Schutz gegen jedwelche Gefahr für Leib und Seele, gegen Gefahren aus der Natur, gegen Hexen und Dämonen. Den Soldaten sollten sie auch vor feindlichen Kugeln schützen, daher auch die Bezeichnung «Kugelfänger». (Wie ein Beleg aus dem wohlverstanden reformierten Baselbiet zeigt, dienten zum gleichen Zweck schon zuvor beispielsweise auch kleine Zauberbüchlein. Der begabte und oft auch für Kirchen arbeitende Peter Hoch, 1599 - ca. 1655, liess sich von seiner Frau eine solche Schrift in den Wams nähen, um bei seinem Dienst an der vorderösterreichischen Grenze gegen Hauen und Stechen geschützt zu sein.)
Breverl waren in den katholischen Teilen Süddeutschlands, Österreichs und der Schweiz verbreitet. Ihre Anwendung dürfte etwa um 1730 begonnen und keine hundert Jahre recht allgemein gewesen sein. In Bayern gibt es aber noch heute Orte, wo man ein Breverl erwerben kann. Die Heiltumstäschchen sind dem Bereich der Klosterarbeiten zuzurechnen und wurden in den Frauenklöstern hergestellt. Wie auch die bevorzugte Darstellung von Heiligen aus dem Franziskanerorden ahnen lässt, erfolgte die Herstellung in Klöstern dieses Ordens, deren Angehörige die gesegneten Schutzzeichen auch unter das gläubige Volk verteilten. Die katholische Kirche duldete das Breve-Brauchtum nur halb und verurteilte es oft, denn das durch die zeichenhafte Vergegenwärtigung von Schutz- und Helferheiligen erkennbare barocke Bemühen, das Breverl in die Nähe der kirchlichen Sacra zu bringen, vermochte die hohe Geistlichkeit nicht nachhaltig zu überzeugen.
Festzustellen ist aber, dass die Praxis der verschlossenen Segensmittel nicht nur in der katholischen Kirche bekannt war, wie auch der vorerwähnte Beleg aus dem Baselbiet zeigt. Die Praxis findet sich nämlich bereits in der Antike und begegnet uns auch bei sehr vielen nicht-christlichen Religionen rund um den Globus.
Angesichts der in einschlägigen Museen und Sammlungen oft vorhandenen Masse an Breverln ist anzunehmen, dass diese Heiltumstäschchen im 18./19. Jahrhundert eine grosse Verbreitung hatten. Die in den kleinen Kissen oder Polstern vorhandene, seltsam anmutende Sammlung von heiligen Zeichen und magischen Talismanen macht die auch bei anderen Sakramentalien oft festzustellende Vermischung von Glaube und Aberglaube mehr als deutlich, zumal ja insgesamt die Ãœbergänge von amtskirchlicher Glaubenspraxis zu «Aberglaube», Magie und Astrologie oft fliessend sind.

Dasselbe gilt auch beim Wettersegen, sozusagen einer grossen «Geistlichen Hausapotheke», die bereits seit dem 15. Jahrhundert bekannt ist. Der scheibenförmige, oft sogar in eine Monstranz montierte Behälter enthält collageartig eine Kombination der gleichen geweihten Dinge und der magisch wirksamen Naturstoffe, wie wir sie jetzt schon als Inhalt des Breverls kennen. Die Besonderheiten sind hier aber die Gruppierung um ein vollständiges Agnus Dei und die hier nun gegebene Möglichkeit, die schutzbringenden Gegenstände ansichtig zu haben. Bemerkenswert ist aber auch die Rückseite des Behältnisses: Hier finden sich kreisförmig angeordnet liturgische Gebete und alle einschlägigen Segensformeln, gefolgt von einer Aufzählung der Namen und Anrufungen Gottes als Beschwörung und Bannspruch gegen alle bösen Mächte. Diese entstammen nicht nur der christlichen, sondern auch der jüdischen und kabbalistischen Tradition, was somit vor Augen führt, dass wir in der katholischen Volksfrömmigkeit auch stets mit Einflüssen aus anderen Religionen, also mit Synkretismus, zu rechnen haben und nicht nur mit einer Vermischung von Glaube und Aberglaube.

Mit den eingangs vorgestellten Schabfiguren, die uns in Kleinform auch im Breverl und im Wettersegen begegnen, sind von der eigentlichen Verwendung her auch die Marientaler und der so genannte Schabstein verwandt. Von den Marientalern feilte man Metallspäne ab, die als Medizin eingenommen wurden. Der so genannte Schabstein gelangte aus dem niederösterreichischen Wallfahrtsort Sonntagsberg in den privaten christlichen Gebrauch. Anstelle eines Figürchens wurde hier ein reliefiertes Medaillon aus gebackenem Ton ausgegeben. Die mir bekannten Beispiele in Durchmessern von 3, 4 und 21 cm zeigen das in Sonntagsberg verehrte Bild, den Gnadenstuhl, also eine Dreifaltigkeitsdarstellung. Wie bei den vorerwähnten Schabfiguren kratzte man auch hier im Krankheitsfall etwas Material ab und ass es. Die Brauchübung wird hier mit der Ursprungslegende von Sonntagsberg in Verbindung gebracht: Mitte des 14. Jahrhunderts habe sich ein Hirte in der Gegend verirrt und seine Herde verloren. Er lief auf die Spitze des Berges, flehte dort die Dreifaltigkeit um Hilfe an und schlief dann erschöpft ein. Nachdem er wieder erwacht war, gewahrte er neben sich auf einem Felsblock ein Stück Brot, das er in seinem Hunger gleich verzehrte. Bald darauf fand er auch seine Herde wieder. Der Stein, auf dem das Brot gelegen hatte, galt fortan als heilig, und so errichtete man daneben eine erste Kapelle, der 1490 eine grosse Wallfahrtskirche folgte. Das heute dort verehrte Gnadenbild, eine Dreifaltigkeitsdarstellung, datiert aus dem Jahre 1614.
Mit vergleichbaren Legenden zur Erklärung der zur Heilung dienenden Schabfiguren kann ich weder für Altötting noch für Maria Einsiedeln aufwarten. Die Vorstellung, dass Erde oder auch Staub von einem heiligen Ort besonders heilkräftig ist, weist nämlich ein hohes Alter auf und ist sehr verbreitet.

Davon legen auch weitere Objekte in der Sammlung Dr. Müller Zeugnis ab. Da finden sich z.B. zwei unscheinbare weisse Steinchen, die im Inventar als «Milch der seligen Jungfrau» bezeichnet werden. Konkret handelt es sich hier um zwei Kalksteinstücke, die zum einen ein Heiligland-Andenken sind und zum andern als eine geistliche Medizin Verwendung fanden, indem der in kleinen Mengen in Wasser aufgelöste Stein dem Milcheinschuss diente und in Kindsnöten half. Im Zettelkasten von Dr. Müller findet sich ein Zitat aus dem Werk «Neue Jerosolymitanische Pilger-Fahrt» eines Paters F. Ignatius von Rheinfelden:
«Bethlehem / nicht weit von der Kirche zur Linken / in einer Höhle unter der Erde / darin die Jungfrau Maria mit ihrem Kinde verborgen gelegen / während sich der hl. Josef mit notwendigen Mitteln / nach Jerusalem zu reisen, verfasst gemacht. An diesem Ort hat Maria ihre jungfräuliche Milch an den harten Felsen gespritzt, der ganz weich u. weiss, bis auf den heutigen Tag bei Christen u. Türken in allerhand Anliegen grosse Wunder tut (Miracula), ganz besonders bekommt diese Erde wohl den Weibern, so ihre Milch verloren. Ein wenig eingenommen bekommen sie alsbald überflüssig Milch, wie solches an Menschen u. Vieh sich bewahrheitet hat, so die gebärenden Frauen in Kindsnöten in Wein oder Wasser ein wenig davon einnehmen, sich Gott u. Maria, der gebenedeiten Jungfrau befehlen, was augenblicklich Hilf u. Beistand bewirkt.»

Es dürfte bekannt sein, dass diese seltsame Milch der Heiligen Jungfrau Maria keineswegs die einzige Sakramentalie ist, welche Pilger im Laufe der vielen Jahrhunderte aus dem Heiligen Land mitgebracht haben. Heute ist es vielleicht ein Fläschchen mit Jordanwasser, eine Tüte mit einer Prise Erde vom Golgatha oder ein Kreuz aus dem Holz eines Olivenbaum vom Ölberg. Frühere Generationen brachten aber auch so genannte Sekundärreliquien mit, also Partikel von Gegenständen, die mit dem Leben und Sterben von Jesus und Maria direkt in Verbindung stehen. Verbreitet und zumeist hohe Verehrung geniessen Kreuzpartikel; erinnert sei hier ganz besonders an die einst zum Schutz und zur Heilung eingesetzten Kreuze vom Typ Scheyern und Caravaca, in deren Originalen jeweils ein Splitter vom wahren Kreuz eingelegt ist resp. war, denn jener vom spanischen Caravaca ist heute verloren.
Aber auch anderes, zum Teil bezüglich der Authentizität sehr Fragwürdiges kam aus dem Heiligen Land wohl zunächst mehr in Kirchen und Klöster als in private Hand. Im Besitze des Basler Münsters befanden sich neben Partikeln vom Holz des heiligen Kreuzes auch welche von der Martersäule sowie «vom Gürtel, vom Haar und vom Grab Mariens.» Und der Basler Fürstbischof Ortlieb von Froburg (um 1137-1164) brachte von einem Kreuzzug aus Beirut zwei Ampullen mit mirakulösem Blut Christi in die Rheinstadt. Wohl ebenfalls aus dem Gepäck eines heil aus dem Heiligen Land zurückgekehrten Froburger Adeligen stammten ein Gewandstücklein der Jungfrau Maria sowie je ein Partikel vom Stein, auf dem der Herr geboren wurde, vom Stein, auf dem er stand, als er am Jordan mit Johannes sprach, vom Stein, auf dem er sich in seinem Leiden zu Gottvater wandte und vom Stein, über dem das Kreuz aufgestellt wurde. Sie alle und noch mehr wurden im Jahre 1187 bei der Weihe der Klosterkirche zu Schönthal auf dem Oberen Hauenstein in die Altäre eingebracht. (Die Herren von Froburg pflegten übrigens nicht nur enge Beziehung zu ihrem Hauskloster Schöntal, sondern auch etwa zum zugerischen Frauental und zu St. Urban LU.) – Erzählt sei dies hier nur, weil der Reliquienkult später auch das private Haus erreichte, wovon auch viele der oft den barocken Geist atmenden Reliquientafeln, Reliquienkapseln und -kreuze in der Sammlung von Dr. Müller ein beredtes Zeugnis ablegen.

Etwas weiteres, das den Weg vom Heiligen Land ins christliche Europa gefunden hat, ist das Haus der Heiligen Familie. Unweit von Ancona, der adriatischen Hafenstadt, steht auf einem Bergsporn ein kleines Gebäude aus Sandstein und Ziegeln, das für das wahre Haus der Heiligen Familie in Nazareth gehalten wird und der frommen Legende zufolge von Engeln hierher gebracht wurde. Seither ist der Ort Loreto ein Wallfahrtsort, den früher auch jeder Rompilger auf der Hin- oder Rückreise aufsuchte. Bereits seit der Spätgotik ist das kleine Gebäude, eingerichtet als Kapelle, von einer riesigen Basilika überbaut, um den grossen Pilgerscharen bei den Gottesdiensten ein Dach zu geben. Neben dem eigentlichen Kultobjekt, dem «Santa Casa», zieht es die Pilger allerdings auch zu einem ebenda aufgestellten Gnadenbild, das eine stehende Maria mit Kind in konischem Gewand zeigt. Ein deutliches Indiz für die hohe Verehrung des heiligen Hauses ist, dass vielerorts in katholischen Landen Nachbildungen dieses Kultobjektes gebaut wurden, wo jeweils auch eine Gnadenbildkopie zur Verehrung aufgestellt ist.
Loreto lebt bis heute von der Wallfahrtsindustrie, und entsprechend gibt es in grosser Zahl Devotionaliengeschäfte, wobei das Wichtigste natürlich jenes in Nebenräumen der Basilika selbst ist. Hier gibt es zunächst das übliche Standardangebot jedes Wallfahrtsortes an Sakramentalien und Devotionalien, so etwa die geweihten Wallfahrtsmedaillons, Bildchen, «autocollanti per la machina», Gnadenbildkopien zum Aufstellen und zum Aufhängen an der Wand, «aquasantiere» (Weihwassergeschirrchen) usw. Ein beliebtes und typisches lauretanisches Mitbringsel sind hier aber bunte Majolikaschüsseln und -teller. Diese in unserem Sprachgebrauch Loretoschüsseln oder -schalen genannten Erzeugnisse haben nämlich ebenso wie die vorgenannten Dinge den Charakter einer Sakramentalie. Wie die auf der Innen- oder Aussenseite zu lesende Schrift angibt, sind diese Gefässe unter Beimischung von «Sacra polvere di Santa Casa», also von Staub aus dem Heiligen Haus, aus Ton gedreht.
Gebraucht werden sie seit Generationen als Wochenbettschüsseln, und Kleinkindern soll aus einem Loretoschüsseli eingeflösstes Weihwasser gegen die «Frais» (Krämpfe) helfen.
Seit langem kann der Loreto-Pilger aber auch den Staub, der periodisch im Heiligtum gesammelt wird, in kleinen Päckchen erwerben und nachher bei Bedarf wie ein Medikament dem Essen beimischen. Besonders wirksam sei dieses Medikament natürlich, wenn es aus einer Loretoschüssel eingenommen wird.
Hinter diesen Praktiken der Aufnahme von Erde und Staub sieht Lenz Kriss-Rettenbeck, ein bedeutender Erforscher der religiösen Volkskunde, «eine elementare Erdsymbolik ..., die sich in Vorstellungen wie ‹Heimaterde› und ‹Erdkommunion› ebenso geltend macht wie in den verschiedenen Formen der Geophagie». Die in der Volksmedizin und seit Pfarrer Sebastian Kneipp (1821-1897) sowie Adolf Just (1859-1936) und «Lehmpastor» Emanuel Felke (1856-1926) auch in der Alternativmedizin gebräuchliche Verwendung von Heilerden ist notabene seit den frühesten Hochkulturen bekannt.

Nicht zum Verzehr oder zur Einnahme bestimmt ist das Agnus Dei, dieses durch den Papst geweihte Wachsmedaillon mit der Darstellung des Lamm Gottes. Aber in die aus dem geweihten Osterwachs aus der Basilika St. Peter zu Rom geprägten, vom Papst gesegneten und persönlich verteilten Sakramentalien von höchster Wertschätzung gehörte auch etwas Katakombenstaub gemischt. Für mich ist dies ein schönes Zeugnis für die Tatsache, dass so etwas vielleicht Befremdendes wie die Verwendung von Staub für eine Sakramentalie keinesfalls nur stets in halbdunklen Ecken der Kirche betrieben wurde und noch wird.

So wie sich die Bedeutung des päpstlichen Agnus Dei im Laufe des 20. Jahrhunderts allmählich verflüchtigt hat, weil wohl die schützende Kraft des «heiligen Wachses» nicht mehr selbstverständlich ist, so verhält es sich auch mit den Schluckbildchen. Eine jede und ein jeder weiss zwar, was ein Fresszettelchen ist und sie/er hat auch gelegentlich welche in der Tasche und dank der kommerziellen Version vom Typ Post-It auch immer irgendwo haften, doch woher dieser Begriff stammt, wird vielen oft erst bewusst, wenn von Schluckbildchen oder von Esszetteln die Rede ist; als letztere bezeichnet man die nur mit Text bedruckte Variante.
Schluckzettel konnten früher an vielen Wallfahrtsorten gleich bogenweise erworben werden. Der Käufer war darauf bedacht, dass der Bogen von einem Geistlichen geweiht worden und nach Möglichkeit auch mit dem am Kaufort verehrten Gnadenbild in Berührung gekommen war.
In Gefahr und Not wurden die einzelnen, oft nur briefmarkengrossen Zettelchen in Brot verbacken und gegessen, aber auch einfach so verschluckt. Im Bedarfsfall wurden sie auch dem kranken Vieh gegeben. Die zu den Sakramentalien zählenden Schluckbildchen wurden als eine Art Medikament angesehen, denen durch den priesterlichen Segen grosse Kraft innewohnt. Noch im Jahre 1903 billigte die römische Ritenkongregation die Verwendung der Schluckbildchen, allerdings unter dem Vorbehalt, dass sie nicht in «abergläubischer Absicht» erfolgt. Damit liegt der Gedanke nahe, dass die Kirche zumindest den Verdacht auf Magie nicht auszuschliessen vermochte, aber offensichtlich zu einem Kompromiss mit abergläubischen Praktiken bereit war. Ganz ausgestorben scheint die Sitte auch nicht, so habe ich neulich von einem in Bayern liegenden Frauenkloster erfahren, das an der Pforte noch welche abgibt.

Zu den Esszetteln gehört auch der Lukaszettel, ein kleiner Papierzettel, der mit lateinischen Segenssprüchen beschrieben ist und am Lukastage geweiht wurde. Ihm schrieb man besondere Heilwirkung bei Krankheiten und Schutz vor Verhexung zu. Vornehmlich wurden sie dem Vieh ins Futter gegeben.
Den Heilbrauch, Esszettel zu schlucken, kannte schon die Antike, und in karolingischen Quellen ist die Rede vom Verspeisen einer in Brot eingebackenen Heiligendarstellung. Es ist nicht klar, ob beim Verspeisen von Schluckbildchen an die Vorgänge beim Empfang der Hostie während der heiligen Kommunion gedacht wurde.

Kommen wir vom Schlucken und Essen von Erde, Staub und Papier noch zu heiligen Flüssigkeiten!
Der Kult mit Wasser und Öl ist zweifellos auch im Zusammenhang mit dem Glauben an die heilende Kraft von Naturstoffen zu sehen. So wird Wasser, das an einem sakralen Ort aus einer Quelle entspringt, sehr oft eine besondere Wirkung attestiert. Es ist ja auch kein Zufall, dass viele alte Wallfahrtsstätten an Orten errichtet wurden, wo vermutlich in vorchristlicher Zeit ein Quellheiligtum bestanden hatte. Dort trinken nun seit vielen Jahrhunderten auch die christlichen Wallfahrer das Wasser, benetzen ihre Augen und füllen es in mitgebrachte oder am Ort gekaufte Gefässe ab, um es nach Hause zu bringen. Dieses Nass ist allerdings nicht zu verwechseln mit jenem Wasser, das am Dreikönigstag und in der Ostervigil vom Priester gesegnet und den Gläubigen zum häuslichen Gebrauch – als Weihwasser – mitgegeben wird.

International das bekannteste Wasser einer Wallfahrtsstätte ist jenes aus der Grotte von Massabielle bei Lourdes, wo Bernadette Soubirous 1858 ihre erste Marienerscheinung erlebte. Das heilkräftige Lourdeswasser wird jährlich auch in grossen Mengen in alle Welt versandt. Doch auch hierzulande kennt der gläubige Mensch manchen Ort, wo er um ein heilbringendes Wasser weiss. Erinnert sei hier nur an Mariabronn im Luthern-Bad, der Brunnen am Aufgang zum Kloster Werthenstein, der Marienbrunnen in Einsiedeln und das Burkardsbrünnlein in Beinwil / Freiamt, um nur einige Beispiele zu nennen.
Doch auch ganz gewöhnliches Wasser wurde als heilkräftig angesehen und gegen Krankheiten eingesetzt; nämlich dann, wenn man ein Scheyrer Kreuz zur Hand hatte und die am Fussende vorhandene, kegelförmige Tülle als Miniaturbecher verwendete. Das daraus getrunkene Wasser galt nämlich für geheiligt durch die Berührung mit dem gesegneten Kreuz.

Eine besondere Gruppe bei den heiligen, beim Volke gebräuchlichen Flüssigkeiten bilden die heiligen Öle. Im Ruf besonderer Kraft stehen etwa Öle, die für das «Ewige Licht» und für Ampeln verwendet oder bei der Gedenkstätte einer heiligen Person verbrannt werden. Diese Brennmittel, aber auch jene Flüssigkeiten, so genannte Öle, welche an den Gräbern von gewissen Heiligen gewonnen werden, gelten bei vielen Gläubigen als vielseitig einsetzbares Heilmittel, als so genanntes Krankenöl. Bekannt sind unter anderem das Ignatiusöl, das Kathreinöl, das Marienöl, das Ampelöl aus Tinos, das Quirinusöl aus Tegernsee, das St. Rita-Öl, das Walburgisöl aus Eichstätt und das Nikolausöl aus Bari.
Die beiden letztgenannten Flüssigkeiten werden auf eine ähnliche Art gewonnen, beide Male sind es wässerige Absonderungen vom Sarkophag der oder des Heiligen.
Im Falle von Eichstätt sondert die steinerne Grablege der heiligen Walburga (um 710-779) in den Wintermonaten eine Flüssigkeit ab, die in einer kostbaren goldenen Schale aufgefangen und verdünnt in kleine Fläschchen abgefüllt wird. Dieses «Ã–l», das nach der Legende aus dem Brustbein der Heiligen quillt, aber in Wirklichkeit klares Gesteinswasser ist, wird noch heute an die Gläubigen abgegeben. Es hilft bei verschiedenen Haupt- und Gliederschmerzen, bei Nervenleiden und Scharlach und ist besonders in Kindsnöten ein bewährtes Mittel. Einzunehmen sei es notabene weder in Suppe noch Wein noch Bier, sondern mit frischem Brunnenwasser und mit Hilfe eines sauberen Löffels. Zahlreiche Votivtafeln zeugen von erfolgten Heilungen dank diesem heiligen Ölfluss. Vor allem aus dem 18. Jahrhundert haben sich durch die Nonnen des Walburgisklosters angefertigte kunstvolle Klappaltärchen, Kästchen und Köfferchen erhalten, welche, eingebettet in reiche Klosterarbeit, die kleinen Glasfläschchen mit dem Walburgisöl aufnahmen.
Grösser sind die Fläschchen, welche die «Manna di San Nicola» aufnahmen und noch aufnehmen. Sie fassen nicht selten bis zu 3 oder 4 cl der Flüssigkeit, die allerdings schon verdünnt abgegeben wird. Wie auch Jacobus de Voragine in seiner Legenda aurea berichtet, habe sich schon in der ursprünglichen Grablege des heiligen Nikolaus im kleinasiatischen Myra (heute Demre, südwestlich von Antalya) eine flüssige Absonderung gefunden. Auch seit der räuberischen Ãœberführung der Gebeine nach dem apulischen Bari (im 11. Jh.) sondert der Sarkophag in der Krypta der Basilika eine wässerige Flüssigkeit aus, die als Heilmittel und Sakramentalie gilt. Wie wir uns im vergangenen Sommer im lothringischen St. Nicolas-de-Port überzeugen konnten, ist die «Manna» auch ein Andachtsgegenstand in der dortigen Kathedrale, welche übrigens ein wichtiger Ausgangspunkt für die Ausbreitung des Nikolaus-Kultes nördlich der Alpen war.
Aus einem beidseitig bedruckten Zettel mit dem Titel «Responsorium und Gebeth zu dem Heil. Nicolaus von Bari» erfahren wir von der grosse Wirkung, welche die Manna besitzt. So hilft sie zu einer glücklichen Geburt, bei Schmerzen an Kopf und Augen, gegen Unwetter und Blitzschlag. Auch «Ist dises heilige Oel ein approbiertes Mittel wider die leydige Pestilentz und andere ansteckende Kranckheit / von welchen die Erfahrnuss gibet das Königreich Sicilia, absonderlich aber die Stadt Palermo / allwo im Jahr 1548 ein erschröckliche Pest grassierte / an welcher vil tausend Menschen ihr Leben eingebüsset; und da man unterschidliche Mittel zu gebrauchen nicht unterlassete / aber alles umsonst angewendet wurde / hat dises Oel allein die jenige bey Leben erhalten / welche solches andächtig am Hals getragen / und verehret haben.»
Die Angaben zu «Kraft und Würckung der sogenannten Heil. Manna» schliessen mit folgendem Notabene: «Wer sich aber dises grossen Schatzes will habhafft und theilhafftig machen / der muss sich (wie vor allen schwären Sünden) absonderlich aber von dem schändlichen Laster zu schwören und fluchen enthalten / auch nicht gestatten / dass sich ein Mensch in seiner Behausung aufhalte / welcher die böse Gewohnheit dises Lasters an sich hat / ansonsten wird es sich verliehren / und auch keine Krafft und Hülff von sich geben.»
Unübersehbar ist hier die angestrebte Disziplinierung: Nur wer fromm ist, keine schweren Sünden begeht und auch in seiner Umgebung keinen fehlerhaften Menschen duldet, hat Aussicht, Schutz und Heil durch diese Flüssigkeit zu erfahren. Hilft sie nicht, so ist der Grund indes im eigenen sündhaften Leben zu suchen. Und bringt sie die erbetene Heilung oder den erhofften Schutz, dann ist dies dem Mittel zu verdanken, in das man verbunden mit Fürbitten seine Hoffnung gesetzt hat – und die sich dann auch erfüllte.

Es besteht also kein Anlass, an den vielen Erfahrungswirklichkeiten zu zweifeln, die mit den hier vorgestellten und auch mit den jetzt nicht erwähnten Heiltümern verbunden sind. Deren Wertschätzung gründet darum vorab auf subjektiven Erfahrungen mit ihnen.