Dr. Edmund Müller-Dolder
Arzt, Volkskundler, Chronist

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Dr. Edmund Müller-Dolder (1870-1945) prägte massgebend das kulturelle und gesellschaftliche Leben in Beromünster. Sein immenses Engagement in kulturellen, sozialen und politischen Gremien, sein breitgefächertes Wissen, seine Liebe zur Geschichte und zur Kultur seiner engeren Heimat, seine leidenschaftliche Sammeltätigkeit und seine beeindruckende Schaffenskraft waren gepaart mit wohlwollendem Verständnis und mit Loyalität gegenüber Andersdenkenden. Er war ein beliebter Arzt und eine angesehene, breit anerkannte Persönlichkeit weit über seine engere Wirkungsstätte hinaus. Sein umfangreicher Nachlass im Haus zum Dolder ist eine Fundgrube für die Geschichte von Beromünster.

Familie, Ausbildung

Edmund Müller-Dolder wurde am 26. Juli 1870 in Luzern geboren. Sein Vater, der Lehrer Blasius Müller-Albisser von Rickenbach, war damals Buchhalter der Firma Räber. Ein halbes Jahr später zog die Familie nach Beromünster, wo der Vater zum Stiftsverwalter gewählt worden war und so in seine engere Heimat zurückkehren konnte. Im Lütishofer Chorhof am Bärengraben, dem damaligen Sitz der Stiftsverwaltung, verbrachte Edmund Müller zusammen mit seinem älteren Bruder Josef die Kinder- und Jugendzeit. Die Gymnasialjahre in Beromünster, Einsiedeln und Luzern schloss er 1891 mit der Matura ab. Das Medizinstudium absolvierte er in Bern, mit kurzen Studienaufenthalten an der Universität Würzburg und an der medizinisch-chirurgischen Polyklinik in Genf. Dem Staatsexamen am 13. Dez. 1896 folgte eine Weiterbildung an der Universität Zürich. 1905 erhielt er die Doktorwürde mit der Dissertation «Beiträge zur Kenntnis der Verletzungen der untern Extremitäten hinsichtlich ihrer Folgen für die Erwerbsfähigkeit».
Am 17. Mai 1897 heiratete er Hedwig, die älteste Tochter von Dr. Josef Dolder in Beromünster, und übernahm zwei Wochen später die Arztpraxis seines Schwiegervaters im Haus zum Dolder. Am 31. März 1898 wurde Edmund jun. geboren, das einzige Kind des Ehepaars. Hinzu kam aber schon bald die Sorge um die fünf Kinder des kranken und zeitweise arbeitslosen Bruders von Edmund Müller-Dolder. Einige dieser Kinder lebten über lange Zeit in der Arztfamilie.

Der Landarzt

Mehr als 30 Jahre wirkte Edmund Müller-Dolder als pflichtbewusster und menschenfreundlicher Arzt im Michelsamt. Zu jeder Tages- und Nachtzeit und bei jeder Witterung besuchte er seine Patientinnen und Patienten auch zu Hause, zunächst mit seinem eigenen Pferd und der «Chaise» oder dem Schlitten, später als einer der ersten Autobesitzer in Beromünster. Auch Krankenbesuche per Velo sind bezeugt. So lernte er die Sorgen und Nöte der Leute aus allen sozialen Schichten kennen. Treffend wurde es 1945 in einem Nachruf ausgedrückt: «Dr. Müller-Dolder war der Typus jenes Landarztes, wie sie immer seltener werden. Der Arzt, der nicht bloss da ist, um körperliche Gebrechen zu heilen. Er wird auch in vielen seelischen und geistigen Nöten zu Rate gezogen. Er ist noch nicht der Spezialist der Stadt. Sein Arbeitstag und sein Konsultationszimmer sind noch nicht planmässig rationiert. Er ist ein Stück Familienvater, dessen unbeschränkte Inanspruchnahme als Selbstverständlichkeit gilt.»

Neben seiner Praxis in Beromünster engagierte sich Edmund Müller auch in zahlreichen medizinischen Gremien. Er war Komitee-Mitglied und 1929 Präsident der kantonalen Ärztegesellschaft. 1932 wurde er zum Amtsarzt ernannt, nachdem er schon seit 1901 als dessen Stellvertreter geamtet hatte. Als Präsident der Rechnungskommission des Kantonsspitals war er involviert beim Ausbau dieser kantonalen Institution, und als Präsident des «Hilfsvereins für arme Geisteskranke des Kantons Luzern» war er verantwortlich für die Errichtung einer Fürsorgestelle für Nerven- und Gemütskranke in Luzern und eines Übergangsheimes neben der Klinik in St. Urban. Zudem war er Mitglied in vielen Kommissionen bei Krankenkassen, Samaritervereinen und weiteren sozialen und gemeinnützigen Institutionen. Ganz besonders am Herzen lag ihm die von der Krankenkasse Konkordia geführte Kuranstalt Serpiano im Tessin. Er war dort Mitglied des Genossenschaftsvorstandes und Aktuar der Betriebskommission und setzte sich auch tatkräftig für die stilgerechte Restaurierung des Kirchleins von Serpiano ein.

Der Volkskundler

Stark ausgeprägt war das heimatkundliche Interesse des Beromünsterer Arztes. Er besass fundierte Kenntnisse über die religiöse Volkskunst. Ganz speziell am Herzen lagen ihm die lokalen Wallfahrten im Kanton Luzern, die vielen Kapellen und Bildstöckli und die Votivgaben. Es erstaunt daher nicht, dass er 1939 bei der von der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde (SGV) initiierten Inventarisierung der Votivbilder in der Schweiz als kompetenter Mitarbeiter für den Kanton Luzern zugezogen wurde. Die ausgefüllten Fragebogen für die Region Beromünster mit aufgeklebten Fotos sind als Doppel im Haus zum Dolder vorhanden. Das Vorhaben blieb wegen des frühen Todes des Gesamtleiters, Dr. Ernst Baumann, leider unvollendet. 1940 wurde, ebenfalls durch die SGV, eine gesamtschweizerische Erfassung der Wallfahrtsorte in die Wege geleitet. Die von Edmund Müller erstellte Liste von 104 Wallfahrtsorten im Kanton Luzern ist wohl in diesem Zusammenhang zu sehen. Immer wieder publizierte er auch kleinere Beiträge im Vaterland, im Anzeiger für das Michelsamt, in der Heimatkunde des Michelsamtes oder in volkskundlichen Zeitschriften, und die Fülle seiner handschriftlichen Aufzeichnungen zu heimatkundlichen und kunsthistorischen Themen verraten ebenfalls dieses leidenschaftliche Interesse an der Volkskultur.

Als am 15. Oktober 1927 im Hotel Waldstätterhof die Luzerner Trachten- und Volksliedervereinigung gegründet wurde, war Dr. Edmund Müller-Dolder als einer der fünf Gründerväter mit dabei. Er setzte sich damit ein für die Erhaltung des alten Liedgutes und des traditionellen Kleides der Landbevölkerung. Schon 1929 wurde er zum Obmann der Vereinigung gewählt. Als gütiger und versöhnlicher Trachtenvater leitete er deren Geschicke bis zu seinem Tod. Er hat die Luzerner Trachtenvereinigung wesentlich geprägt. In seine Amtszeit fallen wichtige Entscheide zu Kleidung, Vereinsabzeichen und Kantonalfahne, aber auch zahlreiche Trachtenfeste und die Jubiläumsfeier von 1937 in Sursee. Viele lokale Trachtengruppen des Kantons wurden im Haus zum Dolder gegründet. Ganz grosse Unterstützung erhielt Edmund Müller dabei immer von seiner Frau Hedwig. Für sie war das Trachtenwesen ein Herzensanliegen. Daneben gehörte auch die Wappenkunde zu ihren Interessensgebieten.

Der Politiker

Für Edmund Müller war sein Einsatz für die Öffentlichkeit eine Selbstverständlichkeit. «Er war davon überzeugt, dass in der Demokratie jeder Bürger und insbesondere der Akademiker die Pflicht hat, sich um die öffentlichen Belange zu bekümmern». Neben seinem fast 50-jährigen Wirken in der Aufsichtskommission der Mittelschule Beromünster (1897-1945), in der Schulpflege der Volksschule und als Präsident der örtlichen katholisch-konservativen Partei gehörte er auch jahrzehntelang dem Ortsbürgerrat an. Ab 1939 war er Bürgerratspräsident.
Schon 1921 wurde er in den Grossen Rat des Kantons Luzern gewählt, den er 1935 präsidierte. 1943 eröffnete er als Alterspräsident die neue Legislaturperiode. Er war ein angesehenes Mitglied des Grossen Rates und in zahlreichen Kommissionen aktiv. Seine wohlfundierten Voten zu kulturellen, sozialen und medizinischen Themen hatten Gewicht. Noch in der Maisession von 1945, fünf Wochen vor seinem Tod, forderte er die Schaffung der Stelle eines Kantonsarchäologen, um die heimatlichen Bodenfunde besser zu sichern.

Der Sammler und Geschichtsfreund – Die Vergangenheit dokumentieren

Als Sohn des Stiftsverwalters, aufgewachsen in unmittelbarer Nähe der Stiftskirche, war Edmund Müller von klein auf mit dem Reichtum des Stiftes Beromünster vertraut. Durch die Heirat mit der Arzttochter Hedwig Dolder kam er in eine traditionsbewusste, kultivierte Münsterer Bürgerfamilie hinein, in der eine gehobene Wohnkultur und Kunstsinn einen hohen Stellenwert hatten. Zusammen mit seiner Frau führte er diese Familientradition weiter. Mit leidenschaftlichem Interesse sammelten sie die Zeugnisse aus der grossen Vergangenheit des Stiftes, als bedeutende Künstler und Kunsthandwerker in Beromünster im Auftrag der patrizischen Chorherren im 17. und 18. Jahrhundert ihre Werke schufen: Barocke, reich intarsierte Möbel, Hinterglasgemälde, Fayencen, Gold- und Silbergeräte, Zinngeschirr, Trachtenschmuck. Edmund Müllers Liebe galt aber auch den Objekten der religiösen Volkskunde, dem lokalen Brauchtum und Handwerk und der Druckgrafik. Diese Schätze füllten nach und nach die Räume des grossen Hauses im Flecken. Die Familie lebte in und mit ihrer Sammlung.
Bei seinen täglichen Krankenbesuchen sah Dr. Edmund Müller in den Stuben und Kammern seiner Patientinnen und Patienten viele dieser altüberlieferten regionalen Kunstschätze und Zeugnisse der Volkskultur. Zahlreiche Sammelstücke fand er denn auch in den Familien des Michelsamtes und bei Nachlassversteigerungen nach dem Tod eines Chorherrn. Davon zeugen die Einträge in seinem – leider nur von 1914 bis 1919 geführten – «Verzeichnis über die Erwerbung und den Ankauf von Antiquitäten, Curiositäten und Raritäten». Hier hat er, zeitweise fast täglich, notiert, was er von wem zu welchem Betrag gekauft hat. Einige Sammelstücke sind wohl an Stelle eines Arzthonorars ins Dolderhaus gekommen. Ergänzungen zum Verzeichnis der Erwerbungen findet man im Notizheft «Meine Correspondenz seit dem 1. Weinmonat 1913». Hier hat Edmund Müller während vier Jahren seine Korrespondenz dokumentiert, meist mit kurzen Inhaltsangaben. Bis Ende Oktober 1917 listet er 723 Briefe auf. Bei etlichen ging es um Erwerbungen für die Sammlung.

Ein wichtiges Anliegen für Dr. Müller waren die baulichen Zeugnisse aus der Vergangenheit. So setzte er sich etwa in den Jahren 1925/26 für die Renovation der Ruine Oberrinach auf der Erlosen ein. Er hatte Kontakt mit dem Besitzer, dem Baron von Reinach im elsässischen Hitzbach, suchte Rückhalt beim Heimatschutz und bei der Historisch-Antiquarischen Gesellschaft Luzern und besprach sich mit Architekt Amberg in Sursee und Baumeister Zeier von Gunzwil. Sein wichtigstes Werk war aber die Erhaltung und Instandstellung des «Schlosses», eines mittelalterlichen Wohnturmes an der Centralstrasse in Beromünster, um hier ein Heimatmuseum einzurichten. Als die letzte Besitzerin des baufälligen Gebäudes 1928 starb, wurde auf seine Initiative hin der «Verein Heimatmuseum Schloss Beromünster» gegründet, der am 4. September 1929 das «Schloss» erwarb. Noch vor dem Kauf hatte der Architekt E. Propst aus Zürich, der Präsident des Schweizerischen Burgenvereins, einen Entwurf für die Renovation des Gebäudes gezeichnet. Die Beschaffung der finanziellen Mittel und später der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges verzögerten allerdings das Projekt, sodass eine erste Bauetappe erst 1943/44 realisiert werden konnte. Die Einweihung am 10. November 1945 erlebte Edmund Müller-Dolder leider nicht mehr. Er hatte aber noch die Genugtuung, dass der Schweizerische Buchdruckerverein im «Schloss», wo der Chorherr Helias Helye 1470 des erste datierte Buch der Schweiz gedruckt hatte, eine originalgetreue Druckerstube des 15. Jahrhunderts einrichten liess. Die Ausstattung der übrigen Räume des Heimatmuseums besorgte das Ehepaar Müller-Dolder und ihr Sohn aus dem Fundus ihrer Sammlung.

Diese Sorge um die alten Baudenkmäler war für Edmund Müller der Grund, dem Verein «Innerschweizer Heimatschutz» beizutreten. 1907 war die Innerschweizer Sektion der schweizerischen Vereinigung für Heimatschutz gegründet worden, und schon in den 1910er Jahren wurde Dr. Müller in den Vorstand gewählt. Das Engagement im 1862 gegründeten Geschichtsverein Beromünster, der ältesten Sektion des Historischen Vereins der Fünf Orte (HVVO), war für ihn ebenfalls eine logische Folge seines historischen Interesses. 1908 übernahm er das Amt des Aktuars, ab 1931 bis zu seinem Tod leitete er den Verein. Seit der Gründungszeit waren neben geschichtsinteressierten Männern aus dem Flecken stets auch etliche Chorherren und Kapläne des Stiftes im Verein aktiv. An den Versammlungen referierten die Mitglieder oder eingeladene Gäste jeweils über lokalhistorische Themen und geplante Publikationen. Unter der Federführung seines Präsidenten organisierte der Geschichtsverein 1936 die grossartige Feier «900 Jahre Beromünster», die so genannte Zentenarfeier. Als Präsident des Geschichtsvereins war Edmund Müller an vorderster Front dabei, als die historischen Vereinigungen des Kantons Luzern unter Federführung der Historisch-Antiquarischen Gesellschaft Luzern ab 1932 die Vorarbeiten für die Inventarisation der luzernischen Kunstdenkmäler und Altertümer starteten. Mit einem umfangreichen Fragebogen sollten Vertrauensmänner in den Gemeinden die historischen Quellen, prähistorische Fundstellen, Bauten vor 1850, Bräuche, Dialektausdrücke etc. ermitteln.

Im Historischen Verein der fünf Orte war Edmund Müller-Dolder seit 1904 Mitglied. 1913 und 1933 organisierte und präsidierte er die Jahresversammlungen in Beromünster. Sehr zugetan war er der Historischen Vereinigung Seetal und deren Präsidenten Dr. Reinhold Bosch. 1944 organisierte er die Versammlung der Seetaler in Beromünster. Sein persönlicher Einfluss war auch massgebend, dass Beromünster Tagungsort zahlreicher weiterer kultureller Vereinigungen wurde: 1917 war es die Allgemeine Geschichtforschende Gesellschaft der Schweiz AGGS, 1923 der Innerschweizer Heimatschutz, 1929 die Schweizerische bibliophile Gesellschaft, 1930 am Auffahrtstag die Schweizerische Gesellschaft für Volkskunde und 1937 die Schweizerische St. Lukasgesellschaft. Bei allen diesen Versammlungen stellte Dr. Müller jeweils in Vorträgen und Führungen den Tagungsort vor. Er benützte auch die Gelegenheit, am Radio aufzutreten, um Beromünster in weiteren Kreisen bekannt zu machen. Bereits 1930, ein Jahr vor der Eröffnung des Landessenders Beromünster, hielt er am Abend des Auffahrtstages am Radio eine historische Plauderei über Beromünster, aufgenommen «am eigens im Lateinschulzimmer aufgestellten Microphon». Mit dem Radio-Pionier Arthur Welti gestaltete er in den folgenden Jahren weitere Sendungen.

Alle diese vielfältigen Kontakte brachten immer wieder zahlreiche Besucher und Besucherinnen in das Haus zum Dolder. Edmund Müllers Liebe zum Dokumentieren hat ihn vermutlich veranlasst, am Bettag 1911 ein Gästebuch anzufangen, das «Stubeten-Buch, herausgegeben von Dr.med. E. Müller-Dolder und Familie auf das Jahr 1911, Eidg. Bettag», so der ausführliche Titel auf der ersten Seite. Die drei Bände von 1911 bis 1976, dem Todesjahr von Edmund Müller jun., sind ein Zeugnis für die aussergewöhnliche Gastfreundschaft im Haus und geben einen Einblick in das grosse Beziehungsnetz der Arztfamilie. Die Liste mit über dreitausend (entzifferbaren!) Namen von geistlichen Herren, Politikern, Armeeangehörigen, Kunstschaffenden, Kulturfreunden, Verwandten und Leuten aus der Region ist beeindruckend. Als Ergänzung zu den Einträgen haben die Doktorsleute häufig Zeitungsausschnitte oder Visitenkarten eingeklebt.

Der Chronist – Die Gegenwart dokumentieren

Bei aller Liebe zur Vergangenheit war Edmund Müller aber nicht nur rückwärtsgewandt. Als wacher und kritischer Zeitgenosse hat er das gesellschaftliche und kulturelle Geschehen in Beromünster und im weiteren Umkreis mitverfolgt und in vielen Belangen aktiv mitbestimmt. Es war für ihn ein zentrales Anliegen, wichtige Ereignisse, Brauchtum und Feste, aber auch Baudenkmäler und Kunstschätze für die Nachwelt festzuhalten. Davon zeugen die bildlichen und schriftlichen Dokumente in seinem Nachlass.

Die Fotosammlung

Gerne nutzte er das relativ neue Medium der Fotografie. Ein beachtlicher Teil des Fotoarchivs im Haus zum Dolder ist seiner Zeit zuzuordnen. Thematisch lassen sich die Bilder in drei Hauptbereiche einteilen: Familie, Sammlung, Beromünster und Umgebung. Dazu kommen etwa 400 Cartes de visite und Cartes de cabinet – auf Karton aufgezogene Porträtfotos aus der Zeit von 1860 bis ca. 1925 – und rund 1350 Leidhelgeli.

Wichtig in unserem Zusammenhang sind die Aufnahmen aus Beromünster und der weiteren Umgebung: Stifts- und Pfarrkirche und ihre Kunstschätze, Ortsbilder, Kapellen, Bildstöckli, Häuser, Spycher, aber auch religiöses Brauchtum, Feste, besondere Ereignisse. Edmund Müller-Dolder wollte möglichst alle noch vorhandenen historischen Zeugnisse dokumentieren. In einem seiner Notizhefte listet er am 1. Oktober 1913 unter dem Titel «Photographische Aufnahmen verdienten» eine ganze Reihe von Denkmälern und historischen Stätten in der näheren und weiteren Umgebung von Beromünster auf, zum Beispiel den Burgruinenplatz bei Mullwil, den Freiämterstein in der Erlosen mit Wappen, den Platz der alten Propstei auf dem Sandhügel, das Kreuz bei der hintern Mühle oder das Beinhaus in Rickenbach. Von etlichen dieser Objekte sind im Haus zum Dolder tatsächlich entsprechende Fotos vorhanden. In unmittelbarer Nachbarschaft zum Dolderhaus, in der Gerbegasse, wohnte der Coiffeur und Amateur-Fotograf Franz Kopp-Bühler (1885-1966). Aus dessen Nachlass sind noch mehrere hundert Glasnegative vorhanden mit Bildern von Kirchen, Häusern, Denkmälern, Festen, religiösen Bräuchen etc., zum grössten Teil aus Beromünster und der weiteren Region. Viele dieser Aufnahmen hat Kopp vermutlich im Auftrag des Arztes gemacht. Aus Briefen von Edmund Müller jun. ist aber auch bekannt, dass Müllers schon 1914 einen Fotoapparat besassen und wohl die Glasplatten mit ihren privaten Aufnahmen bei Kopp entwickeln liessen.

Auch zu einem zweiten Fotografen hatte Edmund Müller-Dolder in dieser Zeit Kontakt. Der Beromünsterer Bürger Peter Kopp-Weber (1864-1939) betrieb von 1888 bis zu seinem Tod im benachbarten Reinach/AG ein Fotogeschäft. Sehr häufig war er in seiner alten Heimat Beromünster mit der Kamera unterwegs. Edmund Müller hat konkrete Aufträge an ihn in seiner Chronik festgehalten.

Die Notizhefte

Wie sehr Dr. Müller bestrebt war, seine Kenntnisse und Nachforschungen auf kulturellem und heimatkundlichem Gebiet für die Nachwelt festzuhalten, zeigt die grosse Menge von Notizheften in seinem Nachlass. Es sind rund 30 meist schwarze Wachstuchhefte im Quart- oder Oktav-Format, dazu zwei Schachteln mit losen Blättern in Mäppchen im Oktav-Format. In seiner gewissenhaften und systematischen Art hat Edmund Müller alle Hefte mit Titel und Seitenzahlen und die einzelnen Beiträge mit Datum versehen.

Liste der Notizhefte nach Themenkreisen und chronologisch nach Anfangsdatum geordnet:

1) Kultur- und Kunstgeschichtliches
Hausmarken, Meister- & Steinmetzzeichen: 1911-1930
Miszellen, 9 Hefte: 1913-1945
Chrud & Chabis, 1914-1919
Verzeichnis der Erwerbungen, 1914-1919
Kunsthistorische Notizen, 4 Hefte: 1916-1944
Nulla dies sine linea: 1919-1925
Kultur- & kunstgeschichtliche Streifereien durch den Kanton Luzern & die Schweiz: 1934-1943

2) Sprachliches
Sagen, Sprüche, Bräuche und Sitten im Luzerner Michelsamt, 5 Hefte, Heft 4 fehlt: 1912-1945
Witze: 1914-1939
Mundartliches aus G’stift & Streckiburg: 1929
Altertümliche Wörter & Redensarten

3) Medizinisches
Rezeptsammlung aus allerlei medizinischen Zeitschriften, 2 Hefte: 1897-1907

4) Varia
Meine Correspondenz : 01.10.1913 bis 30.10.1917
I.P.V. Troxler, Jos. Eutych Kopp, Xaver Herzog: Zeitungsausschnitte zu den Gedenktafeln: 1913
Praehistoria (Sitzungsnotizen der Prähistorischen Kommission der Naturforschenden Gesellschaft Luzern): 1931-1937
Religiös-kulturelle Kommission (Sitzungsnotizen): 1934-1943
Pro Juventute III (Protokolle, Gesuche etc.): 1938-1944

Aus den Datenangaben der einzelnen Hefte wird ersichtlich, dass Edmund Müller nebeneinander mehrere Notizhefte führte. Interessant sind vor allem jene mit kultur- und kunstgeschichtlichen Themen, wobei die Inhalte der Hefte sich zum Teil überschneiden. Da finden sich eigene Beobachtungen auf Exkursionen im Michelsamt, im Seetal oder in der Gegend des Sempachersees. Liebevoll kopiert er etwa eine kleine Wandverzierung im Gang des Hauses zur alten Post in Rickenbach. Häufig hat er eine Inschrift oder eine Jahrzahl abgeschrieben, ein Steinmetzzeichen, ein Wappen oder einen Grenzstein abgezeichnet, ab und zu auch eine Foto oder einen Zeitungsausschnitt dazugelegt. Oft hat er zu einzelnen Objekten noch Auskünfte von Gewährsleuten notiert oder Informationen, die er in Zeitschriften und Büchern oder in einem Jahrzeitbuch gefunden hat. Auch bei den Texten auf den losen Blättern geht es vorwiegend um kunsthistorische Notizen oder um Vortragsmanuskripte. Einen recht breiten Raum nehmen Notizen ein, die von einem eingehenden Studium von Fachliteratur zeugen. Auf diese Weise hat sich der Arzt die historischen und kunstgeschichtlichen Fachbegriffe als Autodidakt angeeignet.

Sehr gross ist Müllers Interesse an der Sprache. Er schreibt etymologische Worterklärungen auf oder erläutert in Beromünster gebräuchliche Mundart-Wörter. In seinen Notizheften «Sagen, Sprüche, Bräuche und Sitten im Luzerner Michelsamt» hat er eine Fülle von Redensarten notiert, die er von Leuten aus dem Michelsamt erfahren hat: «I muess schnuufe wie en Ankebättler, v. Frau Regina Kopp-Dolder, Grünegg», oder: «Besser de Buch versprängt als Gottes Gabe g’schändt, v. Frau Lehrer Schmid-Bättig». Man findet in diesen Notizheften unter anderem eine Liste der Übernamen im Dorf Pfeffikon oder alte Samichlaus-Versli. Die volkstümlichen Erzählungen des alten Balbelers (Xaver Herzog, Pfarrer von Ballwil 1841-83) haben es Edmund Müller besonders angetan. Immer wieder zitiert er daraus Aussprüche und originelle Wortschöpfungen. Von 1917 bis 1919 hat er aus verschiedenen Zeitungen (Luzerner Tagblatt, Basler Zeitung, NZZ) Aphorismen herausgeschrieben und nummeriert von 1 bis 232. In einem weiteren Notizheft sammelte er während 25 Jahren Witze.

Die Aufzeichnungen in den Notizheften spiegeln das breite Spektrum der Interessensgebiete des Beromünsterer Arztes, speziell aber seine Liebe zur Heimat, zu den Zeugen der Vergangenheit, zur Sprache. Mit Akribie hat er alles zusammengetragen, was er darüber erfahren konnte. Er war dabei getrieben vom Bedürfnis, dieses Wissen für die Nachwelt festzuhalten.

Die Chronik von Beromünster

Neben all diesen verschiedenartigen Notizen in den Wachstuchheften und auf losen Blättern hat Edmund Müller-Dolder am 1. Mai 1914 seine «Chronik von Beromünster» begonnen. Für dieses Vorhaben wählte er ein Buch mit einem Kartoneinband und Leinenrücken. Bis am Schluss sollten es 43 dicke Bände werden, insgesamt rund 12‘000 Seiten. Im Unterschied zu den Aufzeichnungen in den Notizheften hat er sich in der Chronik auf das Gegenwartsgeschehen fokussiert. Bis zu seinem Tod am 12. Juni 1945 hat er das ehrgeizige Projekt durchgezogen.

In den beinahe täglichen Aufzeichnungen enthält die Chronik einen breiten Informationsstrom, der von der Weltpolitik bis ins Lokale hinein alles umfasst, was dem humanistisch gebildeten Arzt in seinem Lebensalltag begegnete. Nahezu jedes wichtige Ereignis im Michelsamt, Todesfälle und ihre näheren Umstände, Naturbeobachtungen, der bäuerliche Alltag seiner Patienten, religiöses Brauchtum und vieles mehr ist dokumentiert. Überdeutlich spürt man seine Sorge um das Althergebrachte, um das Kulturgut und die historischen Zeugnisse der Region. Der Schwerpunkt der Beobachtungen liegt naturgemäss in der eigenen Lebensumwelt des Arztes. Sein Radius reicht aber weit über Beromünster hinaus. Kritisch verfolgt er die schweizerische und internationale Politik und speziell die kriegerischen Ereignisse.

Den Aufzeichnungen von Edmund Müller-Dolder ist ein unschätzbarer dokumentarischer Wert zuzuerkennen. Er liegt einerseits in der thematischen Breite und andererseits in der Regelmässigkeit der Einträge über einen Zeitraum, der das «Zeitalter der Weltkriege» und die Zwischenkriegszeit vollständig abdeckt. Entstanden ist damit ein ausserordentlich dichtes Zeugnis zur Alltags- und Mentalitätsgeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.