91% sind zufrieden!
Die Optionen, nachdem die Allermeisten ja sagen zur Schweiz
Werner Fritschi, Luzern
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1. Zur Ausgangsposition
Wo wird die Frage nach den heutigen Visionen gestellt? Hier im oberen Wynental, in einem Flecken, fast völlig von den Endmoränen des einstigen Reussgletschers umgeben. In einem geschützten Ortsbild aus dem 18. Jahrhundert mit den geschlossenen Häuserzeilen und den markanten Bürgerhäusern. In der Kleinstadt mit dem Stiftshügel, mit Propstei und Kustorei mit ihrem spätbarocken Dekor, mit dem bemerkenswerten Stiftsschatz aus dem frühen Mittelalter, der Paramenten-Sammlung und ihren religiösen Stickereien, die einmal jährlich am Auffahrtsumritt öffentlich gezeigt, nein zelebriert wird, zusammen mit der Geistlichkeit, der Obrigkeit, dem Militär, mit Glocken und Gesängen, zu Fuss und zu Pferd. Tradition und Konservativismus, eigentlich Gegenbilder zu einem aufklärerischen Denken.
Aber eigenartigerweise wirkten gerade hier Menschen, die über ihre Generationen hinaus Spuren hinterlassen haben. Ich erinnere mich etwa folgender Namen:
- Lorenz Rogger, der Autor des «Lehrbuches der katholischen Religion», eines Standardwerks für Moralpädagogen, Lehrer und Erzieher in Internaten, Gymnasien und katholischen Schulen der Schweiz vor einem halben Jahrhundert.
- Josef Vital Kopp, jener eigenwillige Geistliche, Lehrer und Mitglied des Kantonalen Erziehungsrates, dem ein ureigenes Konzept von einer ganzheitlichen, humanistischen Bildung vorschwebte. Um 1960 erschien von ihm eines der brillantesten Büchlein über das Weltbild von Pierre Teilhard de Chardin («Entstehung und Zukunft des Menschen»). Sein grossartiger Roman, geschrieben in der Einsamkeit auf dem Brünig («Der Forstmeister»), enthält meisterhafte Aspekte der Evolution, die noch immer lesenswert sind.
- Und natürlich der Herausragendste von Beromünster, der Chorherr Elias Helye, aus dem Laufenthal, der im Wohnturm des Schlosses 1470 die älteste, erste Druckerei der Schweiz einrichtete. Mit beweglichen Lettern und der Kunst des Papierschöpfens nach dem Muster von Gensfleisch zu Gutenberg in Mainz hat Helye als erster diese umwälzende neue Erfindung hier etabliert. Eigentlich erstaunlich.
- Bleibt noch jener Name zu erwähnen, zu dessen Ehren die Stiftung und der heutige Anlass benannt sind, der meisterliche Landarzt Dr. Edmund Müller, ein leidenschaftlicher Sammler, Volkskundler und Denker.
Aus dem Dargelegten lassen sich Spannungsbögen herauslesen: Hier die katholische, enge, kleine Welt von Beromünster, konservativ-bewahrend im Grundgehabe, aber mit dem besonderen Blick für die eschatologische Tiefe. Andererseits der aufklärerische Geist, das rationale Erfassen, die verstandesmässige Logik, aus denen heraus Wissen und Können und Fortschritt wuchsen. Auch Zukunftshoffnungen und Visionen, die Einzelne beseelten.
Ziehen wir den Kreis etwas weiter: nach Sursee, Willisau, nach Sankt Urban, Engelberg, Einsiedeln, nach Luzern, Zug, Sarnen, Stans, Schwyz, Altdorf und ihren katholischen Bildungsstätten, Gymnasien und Mädcheninternaten (in Baldegg oder etwa Menzingen) – welche emotionale Kraft lag über die Jahrhunderte eigentlich im Raum der Innerschweiz! Im Hinblick auf die CH91, die dann scheiterte, hatte ich vor, Wesen, Geschichte und Kultur der Innerschweiz zum Mittelpunkt zu machen: Was wäre geschehen, wenn dieses Wesentliche, das geschichtlich unterlegen ist, zum Zuge gekommen wäre? Visionen sozusagen im Rückspiegel.
Und ein dritter Bezugspunkt – wahrscheinlich hat dieser Gedanke der heute gestellten Thematik Pate gestanden: Lassen sich Linien ausziehen von der kleinen, schwierigen Schweiz zu Europa, zur EU, UNO, Nato, zur USA, zur globalisierten Welt? Bleibt die Schweiz doch ein Sonderfall? Was hätten wir zu bieten, falls wir gefragt würden?
2. Eine entlarvende Umfrage
Im August dieses Jahres stellte eine Umfrage des Instituts «MIS Trend» in Lausanne (im Auftrag von Le Matin) fest, dass die Schweizer rundum glücklich sind. Dass es ihnen prächtig geht. Dass sie mit ihrem Leben und Aussehen zufrieden sind. Dass sie stolz darauf sind, Schweizer/Schweizerin zu sein. Sechs von zehn Befragten bestätigen, dass sie zurzeit verliebt sind. 68% haben Freude an ihrem Job. 67 % sind glücklich, in der Schweiz zu wohnen. Rund 91% der Schweizerinnen und Schweizer sind mit ihrem Liebesleben und den Beziehungen zu Familie und Freunden zufrieden. 82% wissen ihr Intelligenzniveau (!) zu schätzen.
Tatsächlich, die Schweizerinnen und Schweizer sind selbstbewusst, stolz und glücklich. Oder beweist dies nur unseren Narzissmus und den wachsenden Hedonismus in einer Wohlstandsgesellschaft?
Würden jetzt nach dem 11. September die Ergebnisse anders lauten – im Blick auf die kriegerischen Auseinandersetzungen in Afghanistan, auf die wirtschaftlich düsteren Wolken am Himmel, auf Börsencrash, Pleiten, Milliardenlöcher, Terror, Angstpsychosen, angekratzten Hightech-Wahn?
Als positive Zeichen könnten die Ergebnisse signalisieren:
- Geld allein macht nicht glücklich. Aber sich in Ruhe und Sicherheit zu wähnen, steigert das Glücksempfinden. Es geht uns tatsächlich gut. Und wir sind uns dessen bewusst. Dankbarkeit bleibt jedoch eine unschweizerische Tugend.
- Eine mehrheitlich friedliche Stimmung, weniger Frusts und Enttäuschungen als in früheren Jahrzehnten ergeben eine gute Voraussetzung für das Zwischenmenschliche. Nach dieser Umfrage sind viel weniger Aggressionen und Gewalt vorhanden als allgemein immer behauptet wird.
- Eine lockere Gesinnung – falls zum Egozentrischen genügend Gegengewicht erstarkt im Sinn des Altruistischen – setzt Kräfte frei für Themen, die über das rein Existenzielle hinausgehen: Umweltschutz, Freiwilligkeit, Rücksichtnahme, politisches oder soziales Engagement, Friedensarbeit, Kampf der Ungerechtigkeit, der Ausbeutung usw.
Die Resultate könnten aber auch ein Signal sein
- der Überanpassung, einer unkritischen Bejahung unserer derzeitigen gesellschaftlichen Zustände;
- einer generell geistigen Trägheit; man arrangiert sich eben selbstzufrieden mit den Gegebenheiten; aber ein geistiger «Stachel» fehlt;
- einer Haltung, die demnächst ins Faschistoide kippen könnte; vor lauter Medienkonsum und Werbefernsehen glaubt eine Mehrheit, dass wir in der besten aller Welten leben. Sind wir zu sehr auf den eigenen Bauchnabel fixiert?
3. Die Schweiz, ein Land mit Visionen?
Ursprünglich besagten VISIONEN eine innere Schau, eine Folge von Meditation oder Askese, ein übersinnliches religiöses Phänomen, nahe bei Halluzinationen. Seit der Banker Martin Ebner von «BK Vision» und ihren Börsenchancen spricht, ist dieser Begriff inflationär geworden. Das entfernte Wort UTOPIE stammt von der erdichteten Insel Utopia im Niemandsland; in der Alltagssprache meint dieser Begriff eher etwas Unwirkliches, Unrealistisches, Illusionäres. Vielleicht wären PERSPEKTIVEN zutreffender im Sinne Nietzsches: Jede Erkenntnis erfolgt von einem bestimmten philosophischen Standpunkt aus, ist also ergänzungsbedürftig.
Was wäre einer Gesellschaft zu wünschen, die zu 91 Prozent zufrieden erscheint? Hiezu – den Ecken eines Tisches gleich – vier Optionen aus meiner subjektiven Sicht.
VISION A Die Stille des Ranfts
Die Leitfigur des Niklaus von Flüe bleibt in einer Zeit umwälzender Entwicklungen und des sozialen Wandels gültig: Mehr Tiefe, mehr Stille, Rückzug zur Eigentlichkeit und zur personalen Identität. In einer Welt voller Handys, Fax, Telefon, E-Mail, Internet, Computer-Bildschirmen wird – neben all ihrer Nützlichkeit, Faszination, Spiel und Spass – das Gerede zum lästigen Geplapper, zum unnötigen Palaver, verkommt die Sprache zu Ritualbrücken, wird der sogenannte Dialog zum Dauergequassel. Am Ende wird Sprachlosigkeit stehen.
Wer mehr in den Lippen lebt als im Herzen, wessen Zunge schneller ist als sein Geist, der ermordet im Reden halbwegs das Denken. In einer medialen und global vernetzten Welt verraten die eingeschliffenen Worthülsen und Versatzstücke mehr unsere Dialogunfähigkeit.
Das Übel unserer Zeit ist es, dass die Menschen zuwenig das Brot des Schweigens geniessen. Wer seinen Fernseher dauernd laufen lässt, stets unter Schallduschen arbeitet, mit Ohrwürmern sich füllt, der driftet kaum merklich ab. Er verliert seine innere Mitte, er hält sich verdeckt, wird befangen, verpanzert, da er von der Peripherie seiner Seele her redet statt aus dem Lot seiner Persönlichkeit.
Wir sollten ein Loblied anstimmen auf die Stille, weil der Mensch nur in ihr sich regenerieren, sich selbst finden kann. Häuser der Stille, Orte des Rückzuges, Plätze der Selbstfindung werden Zukunft haben. Der Geist weht, wo er kann. Wie viele Kirchen – jeglicher Konfessionen – stehen leer! Sie warten darauf, neu genutzt zu werden, fern von überkommenen Dogmen und Lehrmeinungen. Aber auch nicht wieder, um nur die Kassen der Kultur- und Freizeitindustrie zu füllen. So war dieser Tage in einem Bericht zu lesen: «Der heutige Musikbetrieb lässt wegen seiner Rastlosigkeit und des ständigen Reisens eine solide Grundlagenarbeit kaum mehr zu.» Und dabei wäre doch Musik die ideale Türe zur Stille.
VISION B Eine Sprache der Zärtlichkeit
Dieser Tage wurde der Altmeister der Soziologie, Professor Jürgen Habermas, mit dem renommierten Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Seine Arbeiten gegen die Sprachlosigkeit sind vorbildlich, ähnlich denen des hundertjährigen Hans-Georg Gadamer, der ein Leben lang sich dem Grundthema der Kommunikation gewidmet hat. Ins Gespräch kommen, sich von den Fragen des andern anregen lassen, sich gleich tief bücken, um nach der Wahrheit zu suchen, dies bedingt eine hohe Sensibilität für das Zwischenmenschliche. Es beinhaltet eine Haltung, dass man immer mit der Möglichkeit rechnen muss, dass man nicht die Wahrheit besitzt.
Man müsste wieder mal sich Zeit nehmen, um Martin Bubers Standardwerk «Das dialogische Prinzip» zu lesen. Gemeisselte Sätze von bleibendem Wert: «Ich bin. Ich werde am Du. Alles wirkliche Leben ist Begegnung».
Eine lange Liste von Schriftstellerinnen und Dichtern wäre hier anzuführen, die uns eine Sprache hinterlassen haben, mit der wir heute den Dialog der Kulturen suchen und führen müssten, um den verhängnisvoll-sprachlosen Zusammenstoss von Welten und die stumme Gewalt der Terroristen zu brechen.
Wenn wir als kleines Land je eine Rolle zwischen den Grossen und Mächtigen gespielt haben, dann mit jenen Angeboten der «guten Dienste» – woraus unter anderem das Internationale Rote Kreuz und andere, den Frieden aktivierende Institutionen entstanden sind. Das wäre die Spur, auf der wir weiter suchen sollten.
VISION C Eine verbindlich gelebte Ethik
Was Hans Küng in seinem «Weltethos» in den Grundzügen umrissen hat, ist zukunftsweisend für eine humanere, friedlichere und gerechtere Welt. Die Weltreligionen müssen sich finden und einen Konsens schaffen für ein im Gewissen verpflichtendes Zusammenleben der Völker. Wir alle sind gefragt, unseren überzogenen Individualismus kritisch abzuklopfen, uns im Orientierungsdschungel auf neue Perspektiven festzulegen und unser Handeln – in Wirtschaft und Politik oder im persönlichen Alltag – nach einem Minimum kulturübergreifender Ethik verbindlich zu gestalten. Eine Spassgesellschaft und die Schraube des Dämons Geld müssen ihre Grenzen finden.
Ob Gentechnik-Debatte oder militärischer Einsatz gegen das Talibanregime oder die Spirale der Gewalt zwischen Palästinensern und Israeli – wir wissen so wenig über das Denken und Empfinden anderer, ihre Geschichte oder das Wesen des Islams beispielsweise. Die sinnstiftenden Ressourcen, die Kraft eines religiös motivierten Lebens – es geht darum, dass wir säkularisierte Menschen des Westens ein Sensorium bewahren oder wieder entwickeln für die Artikulationskraft religiöser Sprachen. Und uns ihrem Inhalt stellen.
VISION D Menschen, die sich einmischen
Dafür wünsche ich mir kritische Köpfe wie seinerzeit ein Max Frisch, der sich gesellschaftspolitisch immer wieder gemeldet hat, unbequem und ungefragt ein aufklärerisches Bewusstsein vertreten, den wirtschaftlich und politisch Mächtigen einen Spiegel vorgehalten und unsere Selbstzufriedenheit gekränkt hat. Wir brauchen vermehrt kritische Köpfe, die sich quer legen. Denkende Menschen, die in ihrem Handeln glaubwürdig sind.
Allzu viele siedeln sich in ihrem Reden und Schreiben gleich in den Sphären des Ewigen an, um auf dieser Erde nicht als verantwortlich zur Rechenschaft gezogen zu werden. Man kann bekanntlich von Ästhetik, von Literatur, von Musik, von Kunst oder Philosophie schwatzen, ohne von den Menschen und ihren gesellschaftlichen Bedingungen, den realen Problemen touchiert zu sein. So wird Kultur zum Götzen; Kultur als Schizophrenie, die hintenherum «das Blut unserer Brüder leckt», wie Max Frisch formulierte.
Was wir brauchen, sind mutige Frauen wie die junge Inderin Arundhati Roy, die sich gegen den Bau des Narmada-Staudammes in ihrem Land gewehrt hat. Die nach den Atomversuchen, welche zum Konflikt mit Pakistan führten, einen weltweiten Boykott organisierte. Sie argumentiert so: «Vielleicht wird das 21. Jahrhundert das der kleinen Dinge sein: die Demontage grosser Staudämme, grosser Bomber, grosser Ideologien, grosser Kriege, grosser Widersprüche, grosser Helden, grosser Fehler.»
Wo sind die engagierten Schweizerinnen und Schweizer, die die Option von der Neubelebung der kleinen, überschaubaren Dinge vertreten?

