Pluralisierung von Religion
Moderne Volksfrömmigkeit im Rückgriff auf östliche Religionen und Esoterik

Prof. Dr. Martin Baumann, Universität Luzern

Schlägt man derzeit schweizerische Wochen- und Tageszeitungen auf und schaut den Anzeigenteil für Kurse und Dienstleistungen etwas genauer an, so finden sich nicht wenige Anzeigen, die Kurse und Beratungen zu Feng Shui, Yoga, Qi Gong und weiteren «östlichen» Weisheiten und Praktiken offerieren. Ein Besuch in einem WWF- oder Eine-Weltladen lädt den Besucher bzw. die Besucherin zu weiteren Kursen ein: In der Info-Ecke können Prospekte von weiteren Feng Shui Beraterinnen und Beratern entnommen werden, zu Reiki- und unterschiedlichen Yoga-Kursen, Angebote zu indischen Ayurveda-Ölmassagen, zu Tanz-, Meditations- und Heilungsworkshops sowie zur chinesischen Massageform Shiatsu. Letztere gleiche den Energiefluss im Körper aus und aktiviere die Selbstheilungskräfte, so der Prospekt. Und weiter: Krishna Das, der «Meister des Yoga-Chant», war im Sommer 2005 in Zürich, um dort, so die Ankündigung des Handzettels, «Kraft seiner [energievollen] Stimme […] die allertiefsten Blockierungen und Hemmungen des Geistes» zu lösen. In Luzern und vielen schweizerischen Städten bestehen buddhistische Zentren, je mit eigenem Angebot: Das Zentrum für Kadampa-Buddhismus Luzern etwa bietet regelmässig Einführungen in Meditation an – das sei, so ein Flyer für die Veranstaltungen im Winter 2004/5, «Wellness für Körper und Geist». Die Aufzählung liesse sich mit Edelsteintherapien, mit «Reisen der Achtsamkeit» durch das Reiseunternehmen InSpiration, Esoterikmessen und Weiterem fortsetzen.

Zu guter Letzt: Ein Besuch in einem Buchladen verdeutlicht erneut, dass Esoterik und Spiritualität mit den Schattierungen Astrologie, Kabbala, Indianer, Engel, östliche Weisheit und vielem mehr en vogue sind. Der umfangreiche Esoterik-Bereich in einem grösseren Luzerner Buchhaus war mit tibetischen Gebetsfahnen und indianischem Traumfänger stimmungsvoll dekoriert und lud die Käufer und Käuferinnen zum Lesen und Verweilen ein.

Was hat dies alles mit moderner Volksfrömmigkeit zu tun, und handelt es sich bei den exemplarisch benannten Angeboten und Kursen überhaupt um Formen von «moderner Volksfrömmigkeit»? Zudem: Die Aufzählung mag den Sachverhalt der Pluralisierung von Religion und den Aspekt, dass Anleihen aus Religionen Asiens erfolgen, illustrieren. Jedoch: Wie neu ist dieses Licht aus dem Osten und wie neu ist der Vorgang, vom Osten her «Licht» und «Heil» in den Westen zu holen?
Um den Fragen nachzugehen, gliedert sich der Beitrag wie folgt: Ich beginne mit Überlegungen zum Begriff der Volksfrömmigkeit und gebe einen Definitionsvorschlag. Teil zwei wird eine historische Perspektive einnehmen und stichwortartig aufzeigen, dass die Rezeption östlicher Ideen und Praktiken in Europa schon im 19. Jahrhundert begann. Teil drei wird sodann an den Beispielen Yoga und Feng Shui zwei östliche Praktiken vorstellen und nachfragen, inwiefern es sich hier um Formen moderner Volksfrömmigkeit handelt. Der Schlussteil fasst die Befunde zusammen und liefert zwei Ausblicke für generalisierende Anschlussmöglichkeiten.

Den ganzen Beitrag finden Sie in der gedruckten Tagungsdokumentation 2005.