Aus der (T)ruhe – Beschleunigung und Erlebnisorientierung
Drei kleine Skizzen zu einem historischen Längsschnitt
Jürg Willimann, ehem. Dozent für Zivilisations- und Kulturgeschichte an den Hochschulen für Gestaltung und Kunst in Zürich und Luzern
Vorbemerkung
Für die Münsterer Tagung 2007 habe ich drei kleine Skizzen entworfen. Dabei richtete ich den Fokus nicht auf die Möbel, sondern auf den gesellschaftlichen Wandel. Ich hatte zu den drei Skizzen Bilder gesucht und mir dazu Stichworte gemacht. An der Tagung habe ich dann mehr oder weniger frei gesprochen. Der folgende kleine Text kann deshalb nicht mehr sein als eine Erinnerungshilfe für jene, die dabei waren.
These
Der Wandel der gestalteten Umwelt widerspiegelt mehr als nur den Wandel des Geschmacks und der ästhetischen Vorstellungen. Vielmehr sind sie selbst Ausdruck des kulturellen und zivilisatorischen Wandels. Oder anders gesagt: Wenn man diesen gesellschaftlichen Wandel beschreibt, dann findet man in den Dingen den Ausdruck und die Bilder, die dieser Wandel hervorbringt.
1. Skizze: Zur Zeit der (T)ruhe – Ein Blick in die Sozialpsychologie des Lebens auf dem Lande
Die Natur war vom Leben der Menschen noch kaum geschieden. Sie war Versorgung und Versagung zugleich. Das war das Grundgesetz. Die Menschen hatten sich erst um eine Nasenspitze über ihre Umwelt und die Allgewalt der Natur erhoben. Die Natur selbst beherrschte noch weitgehend die Menschen.
Arbeitsamkeit nützte da wenig. Wer mehr Zeit auf seinem Acker zubrachte, hatte keine Gewähr für eine ausgiebigere Ernte. Auch war eine Stunde nicht gleich einer Stunde. Es kam immer darauf an, wer sie wann, unter welchen Umständen aufbrachte.
Veränderungen waren in diesem Verhältnis nur schwerlich als Folge menschlicher Kraft oder Fähigkeiten erlebbar. Sie wurden als Geschenk – oder als Fluch – erlebt.

aus: Yvone Léger; Katharina Krauss-Vonow,
Praden, Vom Überleben auf dem Dorfe, Zürich 1982
2. Skizze: Die Zeit der Beschleunigung

Die Eisenbahn als Bauernschreck
August Schöll, St. Gallen 1858Die industrielle Revolution wirft den grossen Motor an. Alle Entwicklungskurven biegen sich auf: Schiffstonnagen, Wurfdistanzen, Produktivität, Bevölkerungswachstum, Reisegeschwindigkeit etc.
Die Menschen erheben sich dank neuer technischer Mittel immer mehr über die Natur. Veränderungen werden nun als Folge menschlicher Kraft und Fähigkeiten erlebt (gerade Linie!). Die Entwicklung neuer Technologien steigert die Produktivität. Lokale Märkte werden gesprengt. Neue Räume werden erschlossen (Simplon). Dieser Kraft steht eine kleinräumige politische Struktur entgegen (verschiedene Währungen, Längen- und Hohlmasse), die den Expansionsdruck des Marktes bremst. Die Beschleunigung wird auch bedrohlich erlebt (Fabrikbrand Uster).
Eine immer schärfere Trennung zwischen Familienleben und Arbeit wird damals zur «entscheidenden neuen Lebensform des industriellen Zeitalters» (Ingeborg Weber-Kellermann).
3. Skizze: Die Zeit der Erlebnisorientierung – Ein Blick in die Kultursoziologie von Gerhard Schulze
Im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts findet ein Paradigmenwechsel statt. Die innenorientierte Frage – früher ein Luxusproblem der wenigen Reichen, die so gut versorgt waren, dass sie sich fragen mussten, was sie mit ihrer Zeit und ihrem Geld anfangen wollten – wird heute zum sozialen Standard. Bedroht ist nicht mehr das Leben, sondern sein Sinn. Dies wird am Wandel der Werbung deutlich. Nicht mehr der Gebrauchswert der Produkte steht im Zentrum, sondern der Erlebniswert der Angebote. Die Wellness-Welle ist Ausdruck eines viel umfassenderen Wandels, der nicht auf den Markt der Güter und Dienstleistungen beschränkt bleibt. Das Leben schlechthin ist zum Erlebnisprojekt geworden.
In verschiedenen Stufen wurde der Erlebniskonsum intensiviert: Erlebnisepisoden rücken zusammen, es gibt keine freie Zeit mehr dazwischen → Erlebnisdauer wird kürzer → Überlagerung → Verfeinerung, Luxurierung. Dem Konsumenten kommt es mehr auf das Nehmen an als auf das Haben. Er gleicht eher einem Kanal, durch den die Angebote hindurchströmen, als einem Behältnis, in dem sie sich sammeln.
Zurück zur Eingangsthese:
Ziel meiner Ausführungen war es, an zwei Möbelstücken – einer Truhe und einem Sideboard – zu zeigen, dass die Gestaltung unserer Umwelt vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Wandels reichhaltiger gelesen werden kann. Alles, was man aus dem historischen Kontext mit der Truhe konnotiert, gilt nicht mehr für das Sideboard, das den Gesetzen der Beschleunigung und der Erlebnisorientierung gehorcht. Meine Hoffnung war es, dass das Publikum die Bilder der beiden Möbelstücke nach den drei Skizzen etwas anders, vielleicht reichhaltiger lesen konnte als am Anfang des Vortrages.



