Stuhl und Raum – Episoden aus 200 Jahren Wohngeschichte
Henriette Bon Gloor, lic.phil., Kunsthistorikerin und Restauratorin, Zürich
Nicht für alle Kulturen ist das Sitzen auf Stühlen so bedeutend wie für den westlichen Teil der Welt. Stühle stehen in einem besonders engen Verhältnis zu ihren Benutzern, sie werden mehr angefasst, verschoben und gestapelt als andere Möbelstücke. Das Sitzen forderte im Verlaufe der Jahrhunderte immer wieder neue Sitzgeräte. So entstanden und entstehen in der abendländischen Kultur eine grosse Zahl von Stühlen.
Historisches Mobiliar kann jedoch kaum noch in seinem originalen räumlichen Zusammenhang wahrgenommen werden. Um das Verhältnis zwischen Möbeln und dem sie umgebenden Raum auch nur bruchstückhaft zu verstehen, müssen wir historische Abbildungen von Wohnräumen und Texte aus der Zeit befragen. Ausserdem begegnen wir historischem Mobiliar als Einzelstücke eingegliedert in aktuelle Wohnsituationen oder in musealen Einrichtungen. Aufgabe der musealen Installation ist es, Möbel, deren Bedeutung in ihrer Funktion lag, so zu präsentieren, dass sie auch in ihrer neuen Umgebung lesbar bleiben.
Stühle sind die mobilsten aller Möbel. Sie spielen als solche eine Hauptrolle in den Räumen. Wo stehen sie im Raum? Wie und zu welchem Zweck werden sie bewegt? Wie und wo wird darauf gesessen? Wir befragen einzelne Stuhltypen, die in der Wohngeschichte der letzten 200 Jahre deutliche Spuren hinterlassen haben, und werfen einen Blick in ausgewählte Interieurs im deutschsprachigen Raum. Dies erlaubt selbstverständlich nur einen sehr punktuellen Einblick in den Wandel des Wohnens. Ganz besonders im 20. Jahrhundert wurde eine sehr grosse Anzahl von Stühlen entworfen und produziert, und zahlreiche Architekten haben sich dieser Aufgabe angenommen. «Noch ein Stuhl?» war die erste Reaktion Mario Bottas auf eine entsprechende Anfrage der Firma Alias. Die Neugierde und Lust am Gestalten liessen dann doch den ersten Stuhl Bottas, den «Prima» entstehen (Benedikt Loderer, «Stuhl Seconda, 1982, Mario Botta» in: Arthur Rüegg [Hrsg.], Schweizer Möbel und Interieurs im 20. Jahrhundert, Basel 2002, p. 250f).
1. Der «Biedermeierstuhl» erobert den Raum

Unbekannter Künstler, Mein Zimmer in Wien
Wien, 1837-42Am Anfang des 19. Jahrhunderts nehmen in den Wohnräumen die Anzahl der Stühle, ihre Mobilität und die Bedeutung im Wohnraum zu. Der «Biedermeierstuhl» erobert den Raum. Hans Ottomeyer beschreibt die Beweglichkeit des Stuhls in dieser Zeit wie folgt: Die Hauptrolle in allen Räumen spielt der leichtgebaute und rasch umzusetzende 'Biedermeierstuhl', dessen Formentwicklung von einer antiken Überlieferung ausgeht. Dieser Typus erlaubt ein rasches Wechseln seiner Position im Raum (Hans Ottomeyer, Zopf- und Biedermeier-Möbel, Katalog der Möbelsammlung des Münchner Stadtmuseums, München 1991, p. 31).
Die Entwicklung neuer Sitzmöbeltypen steht im Zusammenhang mit einem gewandelten gesellschaftlichen Verhalten, nämlich der wachsenden Bedeutung der Privatsphäre. Zimmerbilder aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeigen, dass Interieurs, die zu offiziellen Anlässen genutzt wurden, noch dem ästhetischen Prinzip des 18. Jahrhunderts verpflichtet sind. Es herrscht eine strenge Anordnung der Möbel vor. Die Stühle werden entlang den Wänden aufgestellt. Im Kontrast dazu steht die Tendenz, die mehr privaten Räume entsprechend den persönlichen Bedürfnissen einzurichten. Die Anzahl der Sitzmöbel vergrössert sich. Die Stühle gehören zunächst noch einer Sitzgarnitur an, zu der sich auch Armlehnstühle und Sofas gesellen. Sie werden jedoch von den Benutzern immer mehr dorthin versetzt, wo sie gebraucht werden.
Da die Sitzmöbel jetzt vermehrt im Raum stehen, wird nicht mehr vorwiegend der Gestaltung der Frontansicht besondere Aufmerksamkeit geschenkt wie bei einer Aufstellung entlang der Wand. Häufig erhalten nun die Stühle reich gestaltete Rücklehnen. Frei im Raum stehend, kommt deren oft geschwungene, elegante Form im Profil am besten zur Geltung.
2. Der leichte Beistellstuhl – Vermittler zwischen den Sitzgarnituren
In den Biedermeierräumen werden nun die Möbel entsprechend den Aktivitäten der Benutzenden zu einzelnen Wohn- und Funktionsinseln zusammengestellt.
Der Stuhl ist es, dem die Aufgabe zufällt, zwischen den verschiedenen Möbelgruppen zu vermitteln und zu kommunizieren. Wie Christian Witt-Dörring darlegt, entsteht 1830 neben dem Biedermeierstuhl neu ein eigener leichterer und beweglicher Stuhltypus: Neu daran ist, dass er optisch nicht mehr der Sitzgarnitur des Raumes angehört, sondern ein über das ganze Haus verteilter und formal unabhängiger normierter Stuhltyp ist, der die verschiedenen Aktivitätszonen verbindet. Er ist ein individualitätsverneinendes Massenprodukt, dessen bekanntestes über ganz Europa verbreitetes Beispiel aus dem ligurischen Chiavari kommt (Christian Witt-Dörring, «Sitzmöbel», in: Hans Ottomeyer, Klaus Albrecht Schröder und Laurie Winters, Biedermeier – Die Erfindung der Einfachheit, Ostfildern 2006, p. 150).

Luigi Premazzi, Wohnraum in Norditalien
Aquarell, 1859, mit dem «Chiavari-Stuhl»
Die leichten Beistellstühle, in Wien auch als «Laufsessel» bezeichnet, sind, so Eva Ottillinger, «Zeugen der Intimität». Sie sind auch auf Aquarellen von Interieurs des 19. Jahrhundert nachzuweisen (Eva Ottillinger [Hrsg.], Gebrüder Thonet, Möbel aus gebogenem Holz, Ausstellungskatalog, Wien 2003, p. 15, Anm. 27).
Ernst Siebel untersucht in seiner Publikation zum grossbürgerlichen Salon in Berlin von 1850–1910 (Der grossbürgerliche Salon, 1850–1910. Geselligkeit und Wohnkultur, Berlin 1999) den Zusammenhang zwischen Salonkommunikation und Salonmöblierung. Die Publikation zeigt auf, dass man sich von einer zwangslosen Salonmöblierung im Verlaufe der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mehr Geselligkeit unter den Gästen versprach. Ernst Siebel zitiert die französische Schriftstellerin Delphine de Girardin (1804–1855), die ihre Empfehlungen für eine reformierte Salongeselligkeit in einer Zeitung öffentlich thematisierte. Sie erschienen zuerst 1844 und wurden 1852 in der Frauenzeitung für Hauswesen, weibliche Arbeiten und Moden in deutscher Übersetzung publiziert: In jenen sorgfältig geordneten Gemächern empfindet man eine tödliche Langeweile, und so lang diese Ordnung besteht, ist das Gespräch schleppend und kalt; erst nachdem notgedrungen nach langer Zeit diese Ordnung aufgelöst ist, und Tische und Sessel von ihrer gewohnten Stelle gekommen sind, beginnt man sich auszutauschen, und wie warmer Hauch durchdringt und belebt die Unterhaltung; … Man sehe sich die sogenannte Unordnung, die nach einer solchen Gesellschaft im Salon herrscht, wohl an… Die Art, wie diese Sitze zuletzt hingestellt wurden, war sicher die bequemste und angemessenste zur Unterhaltung.

Adolf Menzel, Salon von Frau Schleinitz
am 29. Juni 1874. Kohlezeichnung, 1874,
Standort unbekannt
Foto: Ullstein BilderdienstDer leichte Beistellstuhl oder Salonstuhl, ein autonomer Stuhl, der optisch aus der Sitzmöbelgarnitur des Raumes herausgelöst ist, vermochte zumindest teilweise die Kommunikation zwischen den Gästen zu fördern, die nun in immer schwerer werdenden Sesseln sassen. Wie im Berliner Salon ein solcher Salonstuhl zur Verwendung kam, illustriert Adolf Menzel 1874. Der Physiker Hermann von Helmholtz zieht einen der in Frankreich als chaises-à-arcades bezeichneten Stühle zum Sessel der Frau Schleinitz heran. Er ergreift mit seiner rechten Hand den leichten Stuhl am mittleren Bogen der Rücklehne. Menzel lässt in dieser Momentaufnahme die Zeit still stehen und erlaubt uns einen Blick in die Gewohnheiten der Zeit, nämlich ganz selbstverständlich den Stuhl herbeizuziehen, um an einem Gespräch teilzunehmen.

Stuhl, Modell Nr. 14
Gebrüder Thonet, um 1859
Buche, Rohrgeflecht
Sammlung Dr. Helmut
W. Lang, WienLeichte Beistellstühle fertigte auch Michael Thonet 1843/48 für das Stadtpalais Liechtenstein in Wien. Damit war aus der Formenwelt des Neo-Rokoko der formale Prototyp für die spätere Stuhlserienproduktion geschaffen. Dieser Stuhl war dann auch die Vorlage für das Serienmodell 1, wie Eva Ottillinger in der bereits zitierten Publikation darlegt. Auch der in Serie angefertigte Bugholzstuhl von Thonet ist als leicht versetzbarer «Vermittler» zwischen den Sitzgarnituren verwendet worden. Neben der Verwendung als flexibles Beistellmöbel für Hof und Adel eroberten die leichten Bugholzstühle bald auch die Wiener Kaffees, und der Bugholzstuhl wurde zum Wiener Kaffeehausstuhl schlechthin.
Das Hauptinteresse der Thonet-Werkstatt lag um 1850 in der Entwicklung von Serienmodellen. Die Bugholzstühle der Firma Thonet stehen stellvertretend für die ersten Phasen der Industrialisierung. Sie rationalisierten mit ihrer zukunftsweisenden Erfindung, den Möbeln aus gebogenem Holz, die Produktion und die Gestaltung und gingen neue Wege in der Vermarktung ihrer Produkte. Um 1900 produzierten in den verschieden Fabriken der Gebrüder Thonet 6'000 Arbeiter fast 900'000 Bugholzmöbel.
3. Der Abschied vom «Garnitur-Denken» – der Bugholzstuhl als Typenstuhl
In den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts weckten die Architekten Adolf Loos (1870-1933) und Le Corbusier (1887-1965) erneut das Interesse an den Bugholzmöbeln. Le Corbusier griff für die Einrichtung seiner Musterhäuser der 1927 erbauten Werkbundsiedlung in Stuttgart-Weissenhof auf die Thonet-Serienmodelle zurück, z.B. auf den Armlehnstuhl Nr. 6009. Der Architekt wählte mit Absicht keine Sitzmöbelgarnitur aus Thonets Angebot, sondern Einzelstücke, die er mit englischen Lederfauteuils und Metallkästen kombinierte. Er bevorzugte die Bugholzmöbel, da sie industriell gefertigte Gebrauchsgegenstände waren, die in einem anonymen Prozess in der Fabrik entstanden sind, «objets types», wie er sie nannte. Wichtig war, dass sie sich durch eine klare Formgebung und Leichtigkeit auszeichneten.
Wie Adolf Loos – insbesondere was das Interesse an bereits bestehenden Produkten, den «objets types», betraf – wollte Le Corbusier den Innenraum aus den funktionellen Einschränkungen der «kompletten Einrichtung» lösen. Le Corbusier beabsichtigte dabei aber, im Gegensatz zu Loos, auch den privaten Wohnraum einer Standardisierung zu unterziehen.
4. Mit dem Typenstuhl durchs 20. Jahrhundert

Wohnung Boroschek, Berlin, 1930
mit Freischwinger von Marcel Breuer
Foto: Landesarchiv Berlin / Martha HuthDie Krümmung der Form beim Thonetstuhl wies noch zurück auf die Formen des Jugendstils. Mit der Formgebung des Stahlrohrstuhls setzte man sich zum Ziel, auf alles Individuelle und Besondere zu verzichten zugunsten des Allgemeinen, Wiederholbaren, des Typus und der Standardisierung. Man hoffte auf diese Weise auch den Anspruch einzulösen, preisgünstige und doch qualitätsvolle Einrichtungen für weniger kaufkräftige Bevölkerungsschichten zu produzieren – innerhalb der internationalen Design-Diskussion des frühen 20. Jahrhunderts eine zentrale Fragestellung.
5. Bodennah – es geht auch ohne Stuhl

Susi und Ueli Berger, Alfred Halblützel,
Eleonora Peduzzi-Riva, Heinz Ulrich,
Klaus Vogt und Hansruedi Vontobel:
Wohnlandschaft «Terreno», 1972
Foto: Alfred HalblützelDer Typenstuhl hat das 20. Jahrhundert geprägt. Als 1964 die in textile Üppigkeit getauchten Wohnlandschaften des dänischen Designers Verner Panton mit weichen Sesseln und Liegematten erschienen, verabschiedeten sich allerdings die Design-bewussten Konsumenten von den Stahlrohrstühlen im Wohnbereich.
Der grosse Konkurrent der Stühle, der Fussboden als Aufenthaltsort, wurde Anfang der 1970er Jahre zum Ausdruck eines neuen Lebensgefühls: Auf ihm schien es mehr Freiheit zu geben als im noch so bequemen Sessel. In Woodstock, dem legendären Rock-Open-Air, lagerte das junge Publikum auf dem vom Regen aufgeweichten Erdboden. Wer in der Möbelbranche für den Zeitgeist empfänglich war, setzte diese Signale um, zum Beispiel in Wohnlandschaften (Christoph Bignens, «Ausbruch aus dem befreiten Wohnen», in: Arthur Rüegg [Hrsg.], Schweizer Möbel und Interieurs im 20. Jahrhundert, Basel 2002). Jedoch wären die Ende der sechziger Jahre aufgekommenen Wohnlandschaften ohne den gleichzeitigen Boom von Stereoanlagen und Fernsehgeräten wohl unbehaust geblieben. Musikhören und Fernsehen liess sich besonders bequem in entspannter Körperhaltung geniessen. Die einstmals so verpönte «Garnitur» schien wieder salon- oder besser gesagt bodenfähig geworden zu sein.
6. Der Typenstuhl revived – der Moderne Klassiker
Dem wieder in Produktion genommenen oder weiterhin, aber jetzt in grösserer Zahl produzierten historischen Typenstuhl des 20. Jahrhunderts, den Thonetstühlen, Freischwingern und Corbusierliegen, begegnen wir heute überall in der Werbung, in Möbelgeschäften, Museen usw. Sie werden als Möbelklassiker vermarktet.
Gerda Breuer untersucht in ihrer Publikation Die Erfindung des Modernen Klassikers. Avantgarde und ewige Aktualität (Ostfildern 2001) die Strategien, mit welchen immer wieder von neuem der «moderne Klassiker» erfunden wird: Jedem, der sich lange mit der Moderne auseinandergesetzt hat, muss die späte Konjunktur bei den modernen Klassikern im modernen Möbeldesign und bei der klassischen Moderne in der Bildenden Kunst verwundern. Warum beziehen sich die Schlagworte ausgerechnet auf eine Zeit, die sich selbst so gar nicht als klassisch betrachtete? (p. 38)… Und darum geht es eigentlich bei der Erfindung des Modernen Klassikers. Es ist die De- und Neu-Kontextualisierung (im Museum), die das Ding zum Kulturobjekt erhebt. Das massenhaft produzierte Gebrauchsobjekt wird durch den neuen Kontext der gesamten Kunstwelt zum preziösen Einzelwerk geadelt (p.104).

Abonnentenwerbund der Zeitschrift «Du»
mit dem Thonet Kaffeehausstuhl Nr. 14
aus der Miniature Collection, 1999
Vitra Design Museum, Weil a/Rh
Wie steht es nun mit dem Stuhl und dem Raum: Der Thonetstuhl, einst der Wiener Kaffeehausstuhl schlechthin, diente als Sitzgerät für lesefreudige Wiener in ihren Kaffees. Nun sitzt er als Miniatur-Möbel aus der Miniature Collection der Firma Vitra in Weil am Rhein auf einem Stapel einer renommierten Kulturzeitschrift und fordert als Abonnentenwerbung zum Lesen und Kaufen auf, aber nicht mehr zum Sitzen.

