VISION SCHWEIZ – verantwortlich gesehen, wirtschaftlich ermöglicht, politisch verwirklicht
P. Dr. Albert Ziegler, Zürich
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Vision Schweiz. Woran denken wir, wenn wir an dieses Wort denken? Die Vorstellungen mögen sehr unterschiedlich sein. Aber immer geht es irgendwie um die Zukunft der Schweiz. Hat sie überhaupt eine Zukunft, oder liegt sie nicht schon hinter ihr? Im Flecken Beromünster könnten einem solche Gedanken mit einem gewissen Recht durch den Kopf und das Herz gehen.
Jedenfalls lohnt sich, darüber nachzudenken. Ich möchte unsere Zusammenkunft eröffnen mit drei Gedanken. Wir fragen:
· Was ist eine Vision Schweiz?
· Was ist diese Vision Schweiz, verantwortbar gesehen?
· Was ist diese Vision Schweiz, wirtschaftlich ermöglicht?
Der Begriff Vision gehörte noch vor kurzer Zeit (fast) ausschliesslich in den Bereich des Religiösen. Hier ist die Vision ein innerlich wahrgenommenes Bild oder eine Bildfolge, die bei mystisch veranlagten Menschen auftreten kann. Diese religiösen Visionen haben eine Leitidee zum Inhalt, der zu folgen ist. Nach dem Duden ist die Vision eine «Erscheinung» oder auch ein «Trugbild». Heute ist allenthalben auch weltlich von der Vision die Rede. Vision gehört damit zu jenen geschundenen Wörtern, die für alles Mögliche herhalten müssen und darum immer mehr ihre klare Bedeutung verlieren. Dies gilt es zu bedenken, wenn man die Vision der Schweiz zur Sprache bringt.
Was ist eine Vision Schweiz?
Fast ist man geneigt, ironisch zu werden. Dann liesse sich sagen: Seitdem wir keine zündenden Ideen mehr haben, brauchen wir Visionen. Seitdem wir aufgehört haben, schöpferisch zu sein, müssen schon die Kinder in der Schule lernen, wenigstens kreativ zu werden. Allein Ironie ist die Grobheit der Intellektuellen und führt nicht weiter. Bleiben wir also kreativ bei der Vision. Aber wenn schon, müssen wir der Vision einen klaren Inhalt geben. Sonst behält die Stuttgarter Zeitung Recht, wenn sie schreibt: «Bei dem Worte ‹Vision› mag mancher ‹Realpolitiker› versucht sein, sich schauernd abzuwenden.»
1. Vision
«Visionen sind ein Bild der angestrebten Wunschzukunft.» Das heisst: Die Vision ist die handlungsleitende, phantasievoll-anschauliche Vorstellung einer gewünschten und erstrebten Zukunft. Mit der Vision sind drei Einstellungen verbunden. Zunächst nehmen wir in Gedanken die Zukunft vorweg. Wir antizipieren gedanklich die Zukunft. Die gedanklich vorweggenommene Zukunft streben wir an. Wir wollen oder wir intendieren die Zukunft. Endlich soll die Zukunft nicht nur ein Traum am Himmel voller Geigen sein, sondern Hände und Füsse bekommen. Darum müssen wir die antizipierte und intendierte Zukunft auch – Schritt für Schritt – realisieren.
Das Entscheidende an der Vision ist mithin, dass sie handlungsmotivierend und handlungsleitend wirkt. Sonst bleibt sie eine Utopie und ein Traum, der sich nur zu bald als Schaum erweist.
2. Visionen der Schweiz
Gewiss reden wir erst heute von der Vision Schweiz. Doch was mit dem Wort gemeint ist, ist keineswegs neu. Seit eh und je hat, wer sich über die Zukunft der Schweiz Gedanken gemacht hat, Visionen der Schweiz vor dem geistigen Auge gehabt. Darf ich einige dieser vergangenen Visionen in Erinnerung rufen?
Zwingli: Die arbeitsame Schweiz
Da war der Zürcher Reformator Huldrich Zwingli. Ihm stand die Vision einer arbeitsamen, friedlichen Schweiz vor Augen. 1524 verfasste er «eine freundschaftliche und ernste Ermahnung der Eidgenossen.» Darin schreibt er: «Durch Arbeiten will sich niemand mehr ernähren. Weil es angeblich an Arbeitskräften fehlt, lässt man vielerorts die Grundstücke überwuchern, niemand mehr bebaut sie. [...]
Doch Euer Eigennutzdenken hindert euch daran, so zu wirtschaften. Dieses Denken, das sich unter euch breitgemacht hat, lenkt euch von der Arbeit weg zum Müssiggang. Aber Arbeit ist etwas Gutes, etwas Göttliches. Sie bewahrt nicht nur vor Ausschweifung und Laster, sie beschafft auch das Getreide, mit dem sich der Mensch ohne schlechtes Gewissen ernähren kann, auch ohne befürchten zu müssen, dass er sich mit dem Blut Unschuldiger speise und sich damit beflecke.
Arbeit macht auch den Körper frisch und stark und beseitigt Krankheiten, die durch den Müssiggang entstehen. Das Allerschönste aber ist, dass aus der Hand des Arbeiters Frucht und Gewächs entspringt, so wie aus der Hand Gottes bei der Schöpfung; der Arbeitende ist also äusserlich Gott ähnlicher als irgendein Wesen auf der Welt.»
Gotthelf: Die häusliche Schweiz
Jeremias Gotthelf stellt den Schweizern eine Schweiz vor Augen, die als Vaterland im Vaterhaus mit seiner Muttersprache ihren Ursprung hat. Für das Schweizerische Schützenfest, das 1842 in Chur stattfinden sollte, schrieb er «eines Schweizers Wort an den Schweizerischen Schützenverein». Darin sagt er: «Man lasse sich nicht verleiten durch blödes, irres Geschwätz! Im Hause muss beginnen, was leuchten soll im Vaterlande; aus dem Hause stammt die öffentliche Tugend, und wer kein treuer Hausvater ist, dem fehlet des alten Schweizers Art und Weise, dem fehlet der Heldenmut, der aus der Seele stammt, und was nützet in den Tagen der Gefahr der, welcher nur im Munde liegt?»
Bischof Besson: Die gesegnete Schweiz
Zu Beginn des 2. Weltkrieges schrieb Bischof Marius Besson ein «Gebet für das Vaterland», das in den katholischen Kirchen während des ganzen 2. Weltkrieges Sonntag für Sonntag gebetet wurde. Darin entfaltet der Bischof das Bild einer Schweiz, die unter dem Segen Gottes steht: «Allmächtiger Gott, Du hast uns ein herrliches Vaterland gegeben und es bisher immerfort behütet; gib ihm auch weiterhin Deinen Segen. [ ... ] Ihr Heiligen alle, steht uns mit Eurer Fürbitte bei, damit wir durch wahrhaft christliches Leben und durch unwandelbare Treue dem Vaterlande allzeit Schutz und Wehr seien.» In diesem Zusammenhang könnte man auch an den Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag erinnern mit den entsprechenden Bettagsmandaten der Regierung. Bekannt wurden vor allem die vom Zürcher Staatsschreiber Gottfried Keller verfassten Mandate. Doch das ist Vergangenheit, mag einer sagen.
Gibt es auch heute noch die Idee der Schweiz? Es gibt sie durchaus. Bei seiner Wahl zum Bundesrat entwickelte 1995 Moritz Leuenberger «die Idee einer Schweiz ohne Graben». Er sagte: «Nur gemeinsam können wir die Idee einer Schweiz ohne Graben angehen – ohne Graben zwischen Arbeitslosen und solchen, die Arbeit haben, ohne Graben zwischen den Sprachregionen, ohne Graben zwischen Land und Stadt und vor allem ohne Graben zwischen Volk und Politik, denn in unserer Demokratie sind wir alle Politikerinnen und Politiker. Wir alle, und ich jetzt im besonderen, sind auf gegenseitige Hilfe angewiesen. Im Vertrauen, dass mir diese Hilfe mit der Wahl zugesagt wurde, kann ich hier erklären: Ich nehme die Wahl an.»
Alles in allem zeigt sich: Die Idee der Schweiz lebt. Aber sie lebt so, dass sie von Zeit zu Zeit durch eine bestimmte Leitidee neue Lebendigkeit gewinnen muss. Da ist die arbeitsame, da die häusliche Schweiz. Da steht die Heimat unter dem Schutze Gottes. Da gilt es, Gräben zu überbrücken. Immer aber geht es um die Schweiz und ihre Zukunft. Welche verantwortbare Zukunft aber sehen wir für die Schweiz?
3. Eine verantwortbare Vision Schweiz
Für mich selber steht diese Vision als Präambel in der Schweizerischen Bundesverfassung von 1998. Die Präambel heisst:
Im Namen Gottes des Allmächtigen!
Das Schweizervolk und die Kantone, in der Verantwortung gegenüber der Schöpfung, im Bestreben, den Bund zu erneuern, um Freiheit und Demokratie, Unabhängigkeit und Frieden in Solidarität und Offenheit gegenüber der Welt zu stärken, im Willen, in gegenseitiger Rücksichtnahme und Achtung ihre Vielfalt in der Einheit zu leben, im Bewusstsein der gemeinsamen Errungenschaften und der Verantwortung gegenüber den künftigen Generationen, gewiss, dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht, und dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen, geben sich folgende Verfassung.
Eine Staatsverfassung ist über alles Juristische und Grundrechtliche hinaus die Visitenkarte eines Volkes. Darin zeigt es nach innen und aussen, wer es ist, zu welchen Werten es sich bekennt und auf welche Werte hin es sich verpflichtet. In der Präambel der Schweizerischen Bundesverfassung ist zweimal ausdrücklich von der Verantwortung die Rede. Es geht um die Verantwortung gegenüber der Schöpfung und um die Verantwortung gegenüber den künftigen Generationen.
Mit andern Worten: Es geht um eine nachhaltige Verantwortung. Darum geht es um die Idee einer Schweiz, die, getragen von der Leitidee der nachhaltigen Entwicklung, wirtschaftlichen Wohlstand, soziale Sicherheit und ökologische Stabilisierung als drei gleichrangige Ziele gesellschaftlicher Entwicklung anerkennt und anstrebt. Was ist nun diese nachhaltige Vision der Schweiz, wenn wir sie unter dem Gesichtspunkt der Verantwortung betrachten?
Was ist die Vision Schweiz, verantwortbar gesehen?
Ähnlich wie das Wort Vision ist auch das Wort Verantwortung ein Allerweltswort geworden. Für manche Zeitgenossen hat es nur noch die Bedeutung der Zuständigkeit. «Ich bin zuständig oder verantwortlich dafür, dass die Ware rechtzeitig geliefert wird.» Darum ist es gut, dieser Verantwortung ebenfalls genauer nachzufragen.
1. Was ist Verantwortung?
Verantwortung hat wörtlich mit der Antwort zu tun. Doch Verantwortung besagt nicht nur, dass ich Antwort im Sinne einer Auskunft gebe. Vielmehr muss ich in der Antwort der Verantwortung Rede und Antwort stehen. Derart lässt sich verantworten wie folgt umschreiben:
Verantwortung ist die Pflicht einer Person, für ihr Tun und Lassen samt dessen Folgen Rechenschaft abzulegen und Rede und Antwort zu stehen.
Dabei ist genauer zwischen verantwortlich und verantwortbar zu unterscheiden. Verantwortlich bin ich für das, wofür mich die andern zu Recht zur Rechenschaft ziehen können. Damit geht es bei der Verantwortlichkeit um die Pflicht zur Rechenschaftsablage. Demgegenüber besagt die Verantwortbarkeit die Fähigkeit, dieser Pflicht zu genügen. Verantwortbar handelt demnach, wer fähig ist, für das, wofür er verantwortlich ist, Rede und Antwort zu stehen und seinen Kopf hinzuhalten.
Worum also geht es, wenn eine verantwortbare Vision Schweiz zu entwickeln ist? Es geht um die Fähigkeit, sich und den andern Rechenschaft darüber zu geben, welche Schweiz man in Zukunft anstrebt und welche man zu verwirklichen gedenkt. Es geht damit auch um das Bekenntnis, pflichtgemäss und damit nach bestem Wissen und Gewissen die Aufgabe zu erfüllen, die sich das Schweizer Volk mit dem Bekenntnis in der Präambel selber auferlegt hat. Derart fragt sich: Vor wem sind wir als Schweizer Volk für was verantwortlich?
2. Verantwortlich vor wem?
Verantwortung ist die Pflicht zur Rechenschaft gegenüber dem eigenen Gewissen, gegenüber den Mitmenschen und gegenüber Gott. Im Schatten der Kirchtürme von Beromünster wird man noch von der Verantwortung auch Gott gegenüber reden dürfen.
Nicht umsonst und mit Nachdruck beginnt die Bundesverfassung «Im Namen Gottes des Allmächtigen!» Es geht also bei der Verantwortung um die Verantwortung gegenüber jenem Gott, der jede und jeden von uns persönlich im Gewissen anspricht und in Anspruch nimmt. Es ist zugleich die Verantwortung vor jenem Gott, der uns auf die Gemeinschaft verweist und uns der Schwester oder des Bruders Hüter oder Hüterin sein lässt.
Es ist gut, zu wissen, dass auch im neuen katholischen Gesangbuch sich ein «Gebet für die Heimat» findet. Darin heisst es: «Gott Du willst, dass alle Menschen ein Zuhause haben und in Frieden leben. [...] Lass alle, die in unserem Land leben, ihre Verantwortung im Umgang mit Deiner Schöpfung wahrnehmen. Gib, dass in den Gemeinschaften, den Familien und Gemeinden Eintracht und Gerechtigkeit herrschen. Ermutige uns, dass wir uns für den Frieden in der Welt und für den Fortschritt aller Völker einsetzen.»
Gewiss: Wir sind verantwortlich vor Gott. Doch was haben wir vor Gott zu verantworten?
3. Verantwortung für was?
Kein Zweifel: Wenn wir von einer verantwortbaren Vision der Schweiz sprechen, dann geht es um die gegenwärtige und künftige Verantwortung für Land und Leute. Es geht um das Land. Es geht um die Menschen in diesem Land. Vor allem geht es um die Zukunft von Land und Leuten. Was bedeutet dies genauer?
Verantwortung für eine gepflegte Landschaft
Wir sind verantwortlich für unser Land und seine Landschaft. Diese Landschaft gilt es so zu kultivieren, dass sie nicht denaturiert wird. Sie muss für uns und die kommenden Generationen Arbeits-, Wohn- und Erholungsraum bleiben. Das ist die Verantwortung für unser Naturkapital.
Dieses Naturkapital ist aber die Lebensgrundlage für die Menschen, Tiere und Pflanzen in unserem Land. Im Vordergrund stehen die Menschen mit ihrer Verantwortung nicht nur für Ihresgleichen, sondern auch für die Tiere und Pflanzen.
Verantwortung für Menschen in Freiheit und Würde
Eine Landschaft wird nur dadurch zur Heimat, dass sie mehr als lediglich Wohnraum und Aufenthaltsort ist. Heimat ist der Ort, wo man daheim ist und sich nicht mehr zu erklären braucht. Darum ist Heimat auch wörtlich der Ort, wo man lagern und sich niederlassen kann und wo man ohne Angst für Leben, Würde und Freiheit sich zum Schlafe niederlegen darf.
Dabei ist Freiheit nicht nur die Freiheit von äusserem Zwang. Sie ist auch nicht die Aufforderung zur Beliebigkeit nach Lust und Laune. Genausowenig ist sie die Fähigkeit, dauernd das Gegenteil von dem zu tun, was man bisher gemacht hat. Vielmehr ist Freiheit die Freiheit zu einer Selbstbestimmung, die, wie Hilde Domin sagt, aus dem noch etwas macht, was die andern aus einem schon gemacht haben.
Weil wir der Urheber unserer Selbstbestimmung sind, sind wir dafür auch verantwortlich. Darum ist Freiheit immer verantwortliche und verpflichtende Freiheit. Pflicht ist, was man soll. Das verpflichtende Sollen ist, was der Freiheit die Freiheit lässt, ihr aber die Unverbindlichkeit, Beliebigkeit und damit die Willkür nimmt. Nur in einer solchen Freiheit bleibt die Würde der Menschen gewahrt.
Die verantwortlich-verpflichtende Freiheit ist aber immer auch eine soziale Freiheit. Denn ich lebe meine Freiheit in einer Gemeinschaft von Menschen, die in gleicher Weise frei sind. Darum hört meine Freiheit dort auf, wo die Freiheit des andern beginnt. Nur als soziale lässt und macht Freiheit frei. Damit ist einerseits das Individualprinzip der personalen Würde eines jeden Menschen angesprochen. Anderseits geht es um die Sozialprinzipien der Subsidiarität, der Solidarität und nicht zuletzt der Rivalität. In alldem ist die Verantwortung die Verantwortung nicht nur für das Naturkapital, sondern auch für das Human- und Sozialkapital der Schweiz.
Verantwortung für die zu gestaltende Zukunft
Es geht also um die verantwortbar gepflegte Landschaft für freie Menschen, die zuversichtlich und entschlossen der Zukunft entgegen gehen. Oft sind wir dabei, das Vergangene zu restaurieren. Das ist gut, genügt aber nicht. Sodann sind wir damit beschäftigt, die Gegenwart zu optimieren. Wir machen, was schon da ist, immer noch etwas besser. Auch das ist gut. Allein, auch dies genügt nicht. Wir müssen vielmehr und entscheidend das Künftige kreieren.
Nichts gegen das Restaurieren des Vergangenem. Es gilt, das Vergangene in Ehren zu halten. Wo könnte man das glaubwürdiger sagen als im Flecken Beromünster? Nicht weniger tut not, das Gegenwärtige zu optimieren. Ohne Optimierung des Gegenwärtigen gibt es keine Nachhaltigkeit der Zukunft. Aber wir sind in Gefahr, dass wir oft so damit beschäftigt sind, das Vergangene zu restaurieren und das Gegenwärtige zu optimieren, dass wir das Entscheidende vergessen, nämlich das Kreieren der Zukunft. Die Zukunft kommt nicht einfach als verhängnisvolles Schicksal über uns. Wir können und müssen die Zukunft selber gestalten; und wir müssen dies auf verantwortbare Weise tun.
Damit sei keinem Allmachtswahn das Wort geredet. Es gibt Geschehnisse, auch künftige, die wir hinzunehmen und zu ertragen haben. Aber es gibt auch in Zukunft vieles, das man kann, wenn man ernsthaft will. Dafür braucht es jenes Selbstvertrauen, das im Gottvertrauen mündet, sich in einem gesunden Selbstwertgefühl äussert und damit die Mitte hält zwischen der Überheblichkeit und einem Minderwertigkeitskomplex.
Bei der Gestaltung der Zukunft geht es noch mehr um jene Weltoffenheit, die weiss, wie notwendig heute die Wandlungsfähigkeit ist, wie dringend wir der Toleranz bedürfen, aber auch wie sehr wir den Mut haben müssen, innerhalb unserer Grenzen auch fremden Menschen den helvetischen Tarif zu erklären. Wenn unsere Vision Schweiz schon auf der Bundesverfassung beruht, dann haben nur jene Menschen in der Schweiz etwas zu suchen und zu finden, die grundsätzlich auf dem Boden dieser Verfassung stehen und damit Freiheit und Würde aller Menschen zu achten gewillt sind. In diesem Sinne geht es um die Verantwortung für das Zukunftspotential der Schweiz.
Kurzum: Vor uns steht die Vision einer landschaftlich schönen, freiheitlichen, welt- und zukunftsoffenen Schweiz. Die Vision bleibt indes nur dann kein Traum, wenn wir sie auch wirtschaftlich ermöglichen und politisch durchsetzen. An die wirtschaftliche Ermöglichung ist besonders zu denken.
Was ist die Vision Schweiz, wirtschaftlich ermöglicht?
Noch einmal können wir uns fragen: Was denken wir uns, wenn wir das Wort Wirtschaft hören? Manche werden an die Wirtschaftskapitäne denken, um sie gleich zum einen mit Vorwürfen zu überhäufen – man denke an das Swissair-Debakel –, und um sich selbst anderseits aus der wirtschaftlichen Verantwortung zu stehlen. Dies wäre fatal. Wirtschaftende sind wir nämlich alle. Was ist denn die Wirtschaft?
1. Was ist Wirtschaft?
Wirtschaft ist jener Teil der Gesellschaft, in dem die materiellen Mittel so effektiv und effizient bereitgestellt werden, dass man der Knappheit genügend Rechnung trägt.
Richtig verstanden ist das Ziel unseres Wirtschaftens, die Menschen als Geist-Leib-Wesen mit alldem zu versorgen, wessen sie zur Erhaltung ihres Daseins und zu einer menschenwürdigen Lebensführung bedürfen. Dabei geht es nicht nur um die Mittel für das physische Leben. Auch all jene Mittel sind bereitzustellen, ohne die der Mensch keine Kultur aufbauen und kein auch kulturell wertvolles Leben führen kann. In diesem Sinne hat schon Werner Sombart von der «Kulturfunktion der Unterhaltsfürsorge» gesprochen. Er meint damit offenbar: Als Menschen sollen wir für den Lebensunterhalt in kulturell wertvoller Weise sorgen. Das heisst zum einen: Der Lebensunterhalt sollte nicht nur für das physische Existenzminimum ausreichen, sondern auch eine Freizeitkultur ermöglichen. Zum andern bedeutet es: Auch schon die Bereitstellung des Unterhaltes und damit die Arbeit mit ihren Arbeitsverhältnissen soll ein Stück Kultur sein. In diesem Sinne sprechen wir bei den Bauern von der Agrikultur. Das Land soll kultiviert werden. Aber nicht nur das bearbeitete Land, sondern auch die arbeitenden Menschen sollten bei der Arbeit nicht Arbeitssklaven und Workaholics sein. Sie sollten in ihrer Arbeit und durch sie sich auch selber verwirklichen können.
Die eigentliche Schwierigkeit des Wirtschaftens besteht bekanntlich in der Knappheit. Der Mensch hat unbegrenzt viele Wünsche. Zu ihrer Erfüllung stehen ihm nur begrenzte Mittel in Raum und Zeit zur Verfügung. Darum muss er immer wieder neu entscheiden, was er wofür einsetzen will, um sich in seiner Umwelt zu verwirklichen. Was braucht es dazu?
2. Was braucht es zum erfolgreichen Wirtschaften?
Wir wollen die Zukunft der Schweiz gestalten. Die Wünsche sind gross. Die Mittel bleiben knapp und werden knapper. Die knappen Mittel bereitzustellen ist anstrengend. Was braucht es angesichts dieser Situation für eine wirtschaftlich ermöglichte künftige Schweiz?
Wir brauchen Leistungsfreude.
Leistung ist jene Arbeit, in der wir unser Bestes geben, ohne dass wir uns dadurch schon zu Opfern der Leistungsgesellschaft machen würden. Leistung ist die Arbeit, auf die wir stolz sind, weil wir mehr Werte geschaffen haben, als wir für die Wertschöpfung in Anspruch genommen haben.
Wir brauchen Selbstbescheidung.
Wir leben bekanntlich auf zu grossem Fusse. Früher gab uns die Armut das Mass. Wir mussten uns nach der Decke strecken. Wir hatten gelernt, in Armut oder doch in Bescheidenheit zu leben. Der bescheidene Wohlstand führte zu einem entsprechenden Wohlbefinden.
Heute hat das Wohlbefinden mit dem Wohlstand nicht Schritt gehalten. Wir klagen alle, aber die meisten auf verhältnismässig hohem Niveau. Darum tut eine Selbstbesinnung not, die zur Selbstbescheidung führt.
Gab früher die Armut das Mass, müssen wir uns heute selber das Mass geben und unsere überbordenden Wünsche mässigen. Wir sind und bleiben ein kleines Land, selbst wenn wir Grossbanken haben, die ihre grossen Geschäfte in aller Welt zu machen pflegen und die Schweiz auf ihrer Weltfahrt gerade noch und zur Not mitnehmen.
Was uns heute wirtschaftlich not tut, ist die Tugend des Masshaltens, die freilich nicht zu einer selbstgenügsamen Mittelmässigkeit führen darf. Dies alles geht nicht ohne Besonnenheit und ohne die Fähigkeit zu verzichten.
Wir brauchen Unternehmergeist.
Was der Schweiz wirtschaftlich not tut, ist jener unternehmerische Geist, der einerseits weiss, wie wichtig und notwendig Gewinn ist, der aber auch weiss, dass Gewinn mehr ist, als Geldgewinn und nur dann ein echter Gewinn ist, wenn er nachhaltig bleibt.
Derart geht es um jene Nachhaltigkeit, die bereits erwähnt worden ist. Weltweit wird sie heute als Vision der Zukunft gesehen. Es ist die Vision, dass bei der Entwicklung drei Ziele gleichrangig anzustreben sind, nämlich der ökonomische Wohlstand, die soziale Sicherheit und die ökologische Stabilisierung. Dies gilt auch und nicht zuletzt für eine wirtschaftlich zu ermöglichende Vision Schweiz.
3. Worauf kommt es an und wie geht es weiter?
Dieser Unternehmergeist muss auch in der Politik zum Ausdruck kommen. Denn nur auch mit Hilfe der Politik können wir die Vision der Schweiz verwirklichen. Es gilt:
Die Globalisierung der Wirtschaft fordert die Internationalisierung der Politik und – spätestens seit dem 11. September 2001 – die weltweite Solidarisierung aller Menschen, für die der einzelne Mensch mit seinem Anspruch auf Würde wichtiger ist als das Durchsetzen abstrakter Ideen.
Diese Globalisierung der Wirtschaft, Internationalisierung der Politik und Solidarisierung der Menschen führt zur Revitalisierung der Heimat. Denn der Mensch ist von Hause aus kein Globetrotter und Global Player. Er will zu Hause und bei sich und andern Menschen daheim sein. In einer Welt, die mehr und mehr der Erklärung bedarf, braucht er einen Ort, in dem er ohne grosse Erklärungen und Selbstreflexion er selber sein darf und mit andern auf den Weg zu gehen vermag.
Sollten wir nicht das Wort Jeremias Gotthelfs weiterdenken: Auch in der kleinen Schweiz muss beginnen, was wachsen soll in weiter Welt. Darum sind wir schon jetzt und erst recht in der Zukunft nur dann gute Schweizerinnen und Schweizer, wenn wir mehr sind als nur Schweizerinnen und Schweizer. Auch und gerade als Schweizerin und Schweizer müssen wir lernen, global zu denken, regional zu handeln, lokal zu wohnen und nachhaltig zu sorgen.
Das ist zuallererst die höchstpersönliche Aufgabe eines jeden einzelnen Menschen. Nicht weniger ist es eine gesellschaftliche Aufgabe. Denken wir nur an unser Schulwesen, das nach wie vor auch jene Bildung vermitteln muss, dank der heranwachsende Menschen so ins Bild gesetzt und so auf dem Laufenden gehalten werden, dass sie informiert, orientiert und engagiert sind.
Nicht zuletzt sollten diese Menschen befähigt werden, die geforderte auch wirtschaftliche Leistung nicht widerwillig und irgendwie, sondern mit Freude, dem Sinn für Qualität und dem Bewusstsein für Verantwortung zu erbringen. Wer Leistung fordert, muss noch lange nicht dem Leistungsprinzip frönen, nach dem die Plätze in der Gesellschaft – ausschliesslich oder vorwiegend – aufgrund erbrachter wirtschaftlicher Leistung verteilt werden.
Jedenfalls wird man unserem Altbundesrat Hans Peter Tschudi Recht geben müssen, wenn er schreibt: «Alle Aufwendungen, die der Sozialstaat vorsieht, und alle Leistungen, die von ihm erbracht werden, müssen von der Wirtschaft erarbeitet werden. Grenzen des Sozialstaats ergeben sich deshalb aus der Tragfähigkeit der Wirtschaft.»
Die soziale Tragfähigkeit der Wirtschaft hängt nicht zuletzt von einer entsprechenden Wirtschaftspolitik ab. Hans Peter Tschudi sagt wiederum mit Recht: «Die Wirtschaftspolitik darf nicht unsozial, die Sozialpolitik aber auch nicht unwirtschaftlich sein. Ziel der Wirtschaft ist die Erarbeitung von Erträgen, die befriedigende Verhältnisse ermöglichen. [...] Die Sozialpolitik soll die Entwicklung der Wirtschaft nicht hemmen; sie darf ihre Produktivität nicht beeinträchtigen. Diese Grundsätze sind kaum umstritten, doch ist deren Konkretisierung am Einzelfall schwierig.»
Diese Worte von Altbundesrat Hans Peter Tschudi verdienen, auch heute beachtet zu werden. Darum genügt es nicht, die Vision der Schweiz lediglich wirtschaftlich zu sehen. Sie ist auch politisch zu gewichten und durchzusetzen bis in den schwierigen Einzelfall hinein. Was dies bedeutet und fordert,
wird uns gewiss auf die ihm eigene klare Art Herr Dr. Iwan Rickenbacher sagen.

