Von Erasmus bis Psyche
Eine Kulturgeschichte des Wohnens anhand von Beispielen aus dem Historischen Museum Basel
Dr. Astrid Arnold, Freiberufliche Kunsthistorikerin, Lehrbeauftragte am Kunsthistorischen Institut der Universität Freiburg im Breisgau
1. Die Truhe – Das erfolgreichste Aufbewahrungsmöbel in der Geschichte der Wohnkultur
Eines der für die Entstehungsgeschichte der Basler Museen symbolträchtigsten Exponate des Historischen Museums Basel trägt folgende lateinische Inschrift (ergänzt):
PRO ME IPSO ET VALDE MEMOR EX SOCIETATE SCRIPTORUM MAXIMI FIERI FECI
(Für mich selbst und innig des Grössten aus dem Kreis der Gelehrten gedenkend habe ich dies herstellen lassen.)
Es handelt sich hierbei um eine Truhe, die so genannte Erasmus-Truhe (HMB, Inv.-Nr. 1870.911). Sie wurde von Bonifacius Amerbach (1495-1562) – dem Vater des berühmten Kunstsammlers Basilius (1533-1591) – 1539 in Auftrag gegeben als Aufbewahrungsmöbel für die zahlreichen Erinnerungsstücke, die ihm der grosse Humanist Erasmus von Rotterdam (1465(69?)-1536) drei Jahre zuvor hinterlassen hatte. Unter den Preziosen befanden sich zahlreiche Trinkgefässe aus Edelmetall, von denen uns heute zwei von ehemals ca. 30 erhalten sind.
Die Truhe samt wertvollem Inhalt stand später als Teil der berühmten Kunstsammlung in der Studierstube Basilius Amerbachs in dessen Wohnhaus zum Kaiserstuhl. Neben einem ebenfalls im Historischen Museum Basel gezeigten Münzkasten (Inv.-Nr. 1908.16) ist sie das einzig erhaltene Möbel aus dieser Kunstsammlung. Laut eines 1585-87 datierten Inventars befanden sich dort aber noch zahlreiche weitere Möbel zur Aufbewahrung oder Präsentation. Genannt werden von Basilius Amerbach ein nusbaumen tisch darumb sechs gefirnist lehnen stuhl. Besonders häufig ist die Rede von Laden (= Behältnisse wie Zunftladen oder Kästchen) oder Tröglin (= Truhe).
Die Wahl einer Truhe als Aufbewahrungsmöbel für aussergewöhnlich kostbare und teils sperrige Gegenstände mutet heute ungewöhnlich an. Tatsächlich belegen aber zahlreiche Bildquellen und Inventare ebenso wie eine Vielfalt erhaltener Beispiele in Museen wie hier im Haus zum Dolder, dass die bereits im alten Ägypten bekannte Truhe vom Mittelalter bis noch weit in das 17. Jahrhundert hinein in allen Teilen der Erde eines der wichtigsten repräsentativen Aufbewahrungsmöbel für alle nur denkbaren Gegenstände gewesen ist. Ein grosser Vorteil der Truhe bestand in ihrer Handlichkeit. Gerade in Zeiten der Gefahr konnte sie dadurch schnell in Sicherheit gebracht werden. Ein Grund übrigens auch, warum man für Wertgegenstände die Truhe dem Schrank vorzog oder den Schrank in einzelnen Teilen zerlegbar herstellte.
Der multifunktionale Charakter der Truhe wird anschaulich in einer Szene aus der Danziger Zehn-Gebote-Tafel von ca. 1480 (Warschau, Nationalmuseum). In der bildlichen Umsetzung des Siebenten Gebotes der christlichen Grundregeln Du sollst nicht stehlen sind hier zwei Truhen dargestellt. Die eine rechts im Bild beherbergt eine Ansammlung kostbarer Goldschmiedeobjekte wie etwa einen Buckelpokal und Silberteller, aber auch Goldmünzen. In ähnlicher Weise wird man sich die Aufbewahrung des Erasmus-Nachlasses vorstellen müssen. Die andere, unter dem Fenster hinten im Bild, dient dagegen der Aufbewahrung von Kleidungsstücken: Ein Dieb und ein Teufel ziehen gerade einen mit Pelz besetzten Mantel aus der Truhe.
Mit dem zunehmenden Bedürfnis nach einer objektgerechten Aufbewahrung, das mit dem Wunsch nach einer entsprechenden Zurschaustellung wertvoller Gegenstände einherging, bildete sich im 16. Jahrhundert der Typus des Kabinett- oder Kunstkammerschrankes aus. Entwicklungsgeschichtlich wurden mehrere dieser Truhen oder Laden zu einem Möbel vereint. Neben- und übereinander angeordnet, mussten sie dann, um benutzbar zu bleiben, verschiebbar sein, wie es in dem Begriff Schublade noch erhalten ist. Diese Kabinettschränke wurden immer prunkvoller und differenzierter. Ein aussergewöhnliches Beispiel ist in dem von Franz Pergo gearbeiteten Schrank (HMB Inv.-Nr. 1905.276.) erhalten, der im 17. Jahrhundert in der Basler Kunstkammer des Rechtsgelehrten Remigius Faesch stand. Beispiele dieser Gattung finden sich auch im Haus zum Dolder. Das Kabinettschränkchen aus der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts (Inv.-Nr. 0633) lässt durch seinen kastenartigen Aufbau seine Ableitung von der Truhe sehr augenscheinlich werden.
Während die Aufbewahrung von Kunstgegenständen und Preziosen selbstverständlich nur den gehobenen Gesellschaftsschichten vorbehalten war, war das Lagern von Wäsche in Truhen für alle Gesellschaftsschichten Normalität. Eine anschauliche Quelle ist eine Mitteltafel des um 1480 entstandenen Marienaltars des Kölner Meisters des Marienlebens (München, Alte Pinakothek). Hier zeigt sich das zeittypische Bedürfnis, eine Szene aus dem Marienleben in ein realistisches Ambiente einzubetten. Diesem Umstand verdanken wir auch die Darstellung einer geöffneten Truhe rechts unten im Bild, die den Blick auf einen Stapel wohlgeordneter weisser Tücher frei lässt. Eine auf dem Boden vor der Truhe kniende Frau hält den Deckel der Truhe mit ihrer rechten Hand fest und nimmt soeben ein Leinentuch heraus, das vielleicht als Windel für die kleine Maria dienen soll.
Diese Funktion als Wäschetruhe ist bis in das 17. Jahrhundert weit verbreitet, und auch heute noch dienen Truhen u.a. diesem Zweck. Auf einem der wohl berühmtesten Bilder des italienischen Malers Tizian, der um 1538 fertig gestellten Venus von Urbino (Florenz, Uffizien), sehen wir im Hintergrund zwei Truhen. Vor der geöffneten kniet eine Dienerin. Rechts neben ihr hat eine andere Frau über ihre linke Schulter ein kostbares Renaissance-Kleid gelegt. Vielleicht wurde dieses gerade eben aus der Truhe gezogen, und weitere Textilien werden folgen.
Die Verwendung von Truhen als Aufbewahrungsmöbel für Textilien ist ebenso im fortgeschrittenen 16. Jahrhundert belegt, beispielsweise in einem zwischen 1594-1602 entstandenen Gemälde von Dubreuil Toussaint mit dem Titel Hyante et Climène à leur toilette (Paris, Musée du Louvre). Auch hier sieht man in der rechten Bildhälfte eine Frau, die aus einer Truhe ein Kleidungsstück herauszieht. Bestimmt ist dieses kostbare Gewand für die direkt neben ihr auf einem Stuhl sitzende Herrin, die gerade von ihren Dienerinnen frisiert und angekleidet wird.
Im 16. Jahrhundert tritt nun aber auch der Schrank als Bewahrmöbel neben die Truhe, er wurde jedoch nicht in der «guten Stube», sondern meist in der Diele aufgestellt. Eines der wenigen Gemälde, auf denen ein Schrank dargestellt ist, ist in einem 1663 datierten Ölgemälde von Pieter de Hooch erhalten, das den Titel Beim Leinenschrank trägt (Amsterdam, Rijksmuseum). Zwei Frauen sind gerade dabei, die sehr sorgfältig zusammengelegte Wäsche einzuräumen. Neben dem Schrank steht ein grosser Flechtkorb, der wohl die gebrauchte Wäsche aufnimmt.
Aber nicht nur als Bewahrmöbel für Textilien, Schmuck, Geld, Kunstgegenstände oder Urkunden diente die Truhe. Mit ihrer niedrigen Höhe und einer breiten Fläche, gepaart mit der Möglichkeit, sie leicht verschieben und mit Kissen bequemer gestalten zu können, eignete sich das Möbel ebenfalls als Sitzgelegenheit. Diese Sitte des 15. Jahrhunderts hat Jan van Eyck in seinem um 1435 entstandenen Bild Die Madonna des Kanzlers Nicolas Rolin (Paris, Musée du Louvre) festgehalten.
Mit einer Zeitspanne von mehreren tausend Jahren hat sich die Truhe in ihrer Schlichtheit und leichten Handhabung sehr lange im repräsentativen Ausstattungsrepertoire gehalten. Dass das 18. Jahrhundert mit seinem Anspruch nach immer mehr Bequemlichkeit und Eleganz in den repräsentativen Räumen ihr Ende einläutet, verwundert nicht. Es beginnt nun ein Zeitalter, in dem zahlreiche neue Möbeltypen entstehen, die dem Wunsch nach grösstmöglicher Behaglichkeit, Anmut und erlesenem Luxus gerecht werden sollen. Eine typische Erfindung dieser Zeit ist die Kommode. Zwei mit ihren geometrischen Dekoren und zurückhaltenden Schwüngen typische Produkte des Louis XVI sind im Haus zum Dolder (Inv.-Nr. 1534) und im Haus zum Kirschgarten, dem Wohnmuseum des Historischen Museums Basel ausgestellt (Inv.-Nr. 1923.97, gestempelt: LBOUDIN ME [Léonard BOUDIN], geb. 1735, bis 1795 nachgewiesen; seit 1761 maître ébéniste).
2. Möbel rund um die Tafelkultur – Giessfasskensterlein, Kredenz und Buffet
Giessfasskensterlein
Im 15. Jahrhundert findet sich in der sogenannten Stube, dem Raum, in dem man ass und sich tagsüber aufhielt, beim Adeligen und wohlhabenden Patrizier an grösserem Mobiliar ausser dem Tisch, den Stühlen und Truhen und dem Bett als wichtiger Bestandteil auch das so genannte Giessfasskensterlein. Dies ist ein hoher, schmaler Wandkasten mit Nische, der in seiner Mitte von einem Giessfass und einem darunter angebrachten Becken zum Händewaschen dominiert wird.
Das Möbel verdankt seine Entstehung der noch bis in das 18. Jahrhundert verbreiteten Sitte, bei Tisch mit den Fingern zu essen. Diese konnten so nach dem Essen am Giessfass gereinigt werden. Zahlreiche Gemälde vermitteln uns ein anschauliches Bild eines patrizischen Haushaltes, wie beispielsweise eine um 1505 entstandene Marienverkündung aus dem Mainzer Landesmuseum. Zahlreiche in solchen Bildquellen belegte Giessfässer aus der Zeit vom 16. bis ins 19. Jahrhundert haben sich bis heute erhalten.
Die Entstehung des Buffets
Die rund um das Essen notwendigen Handlungen – Aufbewahrung, Präsentation, Händewaschen – liessen drei separate Möbel funktional eng zusammenstehen: das Giessfasskensterlein, den Schrank und ein Tablar. So zeigt es eine 1476 entstandene Tafel des Münchner Malers Gabriel Mälesskircher mit der Darstellung von Christus im Hause des Simon (Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Inv.-Nr. Gm 1463).
Aus der Kombination dieser drei separaten Möbel entwickelte sich im Laufe des 16. Jahrhunderts ein eigener Möbeltyp, der die Funktionen Anrichten, Aufbewahrung der Tischgeräte und Zurschaustellung der Prunkgefässe kombinierte: das Buffet.
Seit dem ausgehenden 14. Jahrhundert spielte das Buffet im Rahmen der Spielregeln des europäischen Hofzeremoniells für den Getränkeservice eine wichtige Rolle. Hier war der Arbeitsplatz des Mundschenks, bzw. der Person, die mit den Giftproben betraut war. Zu dieser primären Funktion gesellte sich schnell eine andere: die der Repräsentation. Auf einem stufenförmigen, mit ausgesuchten Textilien ausgezeichneten Gestell, der Etagere, wurden kostbarste Geschirre und Geräte präsentiert. Die Anzahl der Stufen wurde Ausweis einer sozialen Hierarchie.
Als Beispiel für ein höfisches Schaubuffet sei eine Federzeichnung von 1587 herangezogen, die anlässlich der Verleihung des Ordens vom Goldenen Vlies 1585 an Kaiser Rudolf II. entstanden ist (Wien, Kunsthistorisches Museum, Inv.-Nr. KK 5348). Eine Vielfalt an besonderen Pokalen sticht hier ins Auge, die durch ein wohl nur in Anwesenheit des Herrschers verwendetes Tafelschiff ergänzt wird.
Diese wichtige Rolle des höfischen Prunkbuffets wirkt auch allgemein auf die Festkultur vorbildhaft. Während des Konzils in Basel (1431-1448) beschreibt der venezianische Gesandte Andrea Gattaro 1435 ein im Basler Stadthaus zur Mücke stattfindendes festliches Abendmahl folgendermassen:
2 Kredenztische mit Silbergeschirr beladen, in einer Länge von 18 Fuss und einer Breite von 4 Fuss, mit Gestellen, eines über dem andern aufgebaut; darauf standen Kelche, Confectschalen seltenster Arbeit, Salzfässer, Platten, Becken von wunderbarster Schönheit.
(vgl. Andrea Gattaro von Padua, Tagebuch eines venetianischen Gesandten beim Konzil zu Basel, p. 41).
Im bürgerlichen Wohnbereich kommt es erst später, seit Mitte des 16. Jahrhunderts, zur Aufnahme dieser höfischen Sitte. Vorher begegnet uns eine hohe Anrichte nur einmal in Basel und zwar 1407 im Hause eines Junkers von Flachsland.
Beispiele für Buffets
Ein 1607 datiertes Buffet im Historischen Museum Basel (Inv.-Nr. 1879.105/1914.200) ist eines der ältesten erhaltenen aus Basel. Es wurde im Wohnhaus des Gewürz- und Waffenhändlers Johann Lucas Iselin, auch der reiche Iselin genannt, im Haus zur Isenburg zusammen mit dem reichen Renaissance-Getäfer in einem quadratischen Raum der zweiten Etage eingerichtet. Der Kunstschreiner ist wiederum Franz Pergo, der auch als Hersteller des Faesch’schen Kunstkammerschrankes nachgewiesen ist. Das Handbecken zum Waschen befindet sich hier an zentraler Stelle des Buffet-Korpus.
Auch im Haus zum Dolder ist ein Beispiel für ein Buffet erhalten (Inv.-Nr. 0253). Es ist nicht aus einem Guss, denn die verschiedenen Teile stammen aus einem Zeitraum vom 16. bis 19. Jahrhundert. Das Giessfass ist 1568 datiert.
Die Blütezeit des Buffets ist das 17. Jahrhundert, und hier haben sich zahlreiche Basler Beispiele erhalten. Ein Beispiel (HMB Inv.-Nr. 1937.22) ist aus dem Meyer-zum-Pfeil-Zimmer erhalten, das einen anschaulichen Eindruck einer repräsentativen Stube des 17. Jahrhunderts in Basel vermittelt. Im Unterschied zu den bisher gezeigten Beispielen fehlt hier indes das Giessfasskensterlein.
Den Reichtum des Basler Patriziers im 17. Jahrhundert vermag sehr gut ein Hausinventar des Basler Bürgermeisters Johann Ludwig Krug-Wettstein zu vermitteln, der im Spalenhof wohnte. Hier wird beispielsweise ein eichenes Büffet mit zwei grünen Büffet-Tüchlein und drei gemohlten Majolicaschalen – Giessfassbrett sambt zinnerner Eichel und Handbecken erwähnt. Zudem führt das Verzeichnis einen Silberschatz: nicht weniger als 45 silberne, teils vergoldete Trinkgefässe auf; ebenso wird eine vergoldete Windmühle genannt (vgl. Staatsarchiv Basel, Privaturkunden, Inventar der Hinterlassenschaft des 1683 gestorbenen Bürgermeisters Johann Ludwig Krug-Wettstein).
Obwohl das Buffet als eigener Möbeltypus zum festen Bestandteil einer repräsentativen Ausstattung des 17. Jahrhunderts geworden ist, findet sich auch in dieser Zeit immer noch ein Nebeneinander von Etagere und Giessfasskensterlein. Diesen Aspekt illustriert eine Innenraumdarstellung von 1643, die die Familie des Hans Conrad Bodmer-Colin, Landvogt zu Greifensee, bei Tisch zeigt (Zürich, Schweizerisches Landesmuseum, Inv.-Nr. DEP-3721). Links im Bild ist in der hinteren Ecke eine Etagere mit Trinkgefässen und einer Blumenvase, links daneben das Giessfasskensterlein zu sehen.
Im 18. Jahrhundert wird das prachtvoll ausgestattete Schaubuffet allmählich aufgegeben und durch andere Typen ersetzt. Die Möglichkeiten des Präsentierens von kostbaren Objekten verlagerten sich auch auf andere Möbeltypen, wie zwei der imposantesten Exponate der Ausstellung gewohnt. Möbel in der Sammlung Dr. Edmund Müller zeigen: Mit ihrem stufenförmigen Aufätzen bieten auch die Aufsatzschreibkommode um 1740 (Inv.-Nr. 0362) ebenso wie das so genannte Kopp-Möbel von 1777 (Inv.-Nr. 4001) vielfältige Möglichkeiten, seinen kostbaren Besitz voll zur Geltung zu bringen. Entwicklungsgeschichtlich ist das Prunkbuffet auch Vorläufer der Vitrine, die im frühen 19. Jahrhundert in Gebrauch kommt.
3. Möbel zum Schlafen – Betten
Neben dem Essen ist auch das Schlafen eines der ureigenen Bedürfnisse des Menschen. Die um 1510 entstandene Bettstatt aus dem so genannten Zscheckenbürlinzimmer (Inv.-Nr. 1906.3504) des Kartäuserklosters in Basel ist ein frühes Beispiel aus dem Historischen Museum Basel (Abb. links). Charakteristisch ist ein Betthimmel, der auch noch in den folgenden Jahrhunderten das Bild des Bettes bestimmt. Ein sehr ähnlicher Betttypus findet sich in einer 1511 in Strassburg erschienen Publikation von Mathias Hupfuff mit dem Titel Hussrath didactisches Gedicht, die genau in der Entstehungszeit des Zscheckenbürlin-Bettes datiert ist. Amüsant mutet hier die aufgehängte Ritterrüstung links neben dem Bett an (Abb. rechts).
Die kastenartige Form des Bettes mit Himmel ändert sich auch in der Renaissance nicht – nur die Verzierungen. Das Beispiel aus Basel zeigt ein Himmelbett mit verschieden eingelegten Hölzern (Inv.-Nr.1897.215). Vorne prangt das Wappen der Eheleute Hieronymus Burckardt und der Anna Hebdenring und ihrer beiden Mütter Gertrud Brand und Magdalena Irmy. Die Jahreszahl erlaubt eine genaue Datierung auf 1594.
Die Bettstatt hatte die Aufgabe, die Liegefläche vom kalten, feuchten Boden abzuheben. Zudem konnte das Bett noch auf einem Podest stehen, wie auf einem italienischen Gemälde aus der Zeit um 1550 mit der Darstellung Die Geburt Johannes des Täufers (Paris, Musée du Louvre). Dieser Unterbau sollte einen zusätzlichen Abstand von der strahlenden Kälte des Bodens schaffen. Ausserdem stellte er einen Schutz gegen allerlei Ungeziefer dar. Teilweise waren die Unterbauten so hoch, dass eine Ein- und Aussteigehilfe in Form eines Trittbretts oder einer Truhenbank erforderlich war. Gerade die Ausstattung des Betts war ein kostbarer Besitz. Bett und Bettzeug galten als ausgesprochene Wertgegenstände, die mehreren Generationen dienten.
Ein für uns heute ungewöhnlicher Aspekt ist die öffentliche Zurschaustellung des Schlafens, die im 17. Jahrhundert am Hofe Ludwigs des XIV. einen Höhepunkt dadurch erfuhr, dass selbst die Toilette von der Hofgesellschaft beäugt wurde. Halten wir uns die Ansichten mit Betten vor Augen, fällt zudem auf, dass das Schlafen nicht unbedingt einem separaten Raum zugeordnet wurde. Vielmehr konnte ein gut beheizbarer Raum für mehrere Handlungen des täglichen Lebens genutzt werden, wie ein 1635 entstandener Kupferstich von Abraham Bosse anschaulich zeigt. Rechts im Bild ist ein Bett sichtbar, das durch Vorhänge wärmeisoliert werden konnte, während links davon ein Tisch zum Speisen gedeckt ist.
Auch im 18. Jahrhundert ändert sich an dieser Sitte nichts. Ein Beispiel ist ein museal inszenierter Alkoven im Haus zum Kirschgarten (HMB Inv.-Nr. 1903.316), der bewusst auf der Repräsentationsetage eingebaut wurde.
Erst im 19. Jahrhundert beginnt man, das Schlafen und die Toilette als private Angelegenheit anzusehen.
4. Dekorative Raumhüllen – Wandverzierungen
Werfen wir abschliessend noch einen Blick auf die vielfältigen Möglichkeiten der Wandverzierung. Im Mittelalter schmückten u.a. Teppiche – hauptsächlich aus Gründen der Wärmeisolierung – die Wände; sie wurden sowohl in Stuben mit holzverkleideten Wänden wie in verputzten Innenräumen verwendet.
Im 16. Jahrhundert verschmelzen in der Stube Holzmöbel und Getäfer zu einem architektonischen Gesamtkunstwerk. Ein Beispiel ist das bereits erwähnte Getäfer des Franz Pergo aus dem Haus zur Isenburg (HMB Inv.-Nr.1879.105/1914.200). Typisch für die Zeit ist hier der dominierende architektonische Aufbau sowohl der Wandgestaltung als auch des Buffets. Die Räume bleiben niedrig, nur wenig Licht dringt in den Raum herein, was dem Innern insgesamt einen düsteren Eindruck verleiht.
In der Folge werden die Räume aber grosszügiger, grosse Fensteröffnungen erlauben, dass die herrschaftlichen Räume mit reichlich natürlichem Licht durchflutet werden. Abends illuminieren zahlreiche Kerzen, deren Licht von Spiegeln verstärkend reflektiert wird, die Räumlichkeiten. Als kostbarste Ausstattung galten Marmorverkleidungen und Spiegel, gefolgt von Tapisserien und danach Seiden- und Samtbrokate. Schnell machte sich das Bedürfnis breit, diese kostengünstiger zu imitieren.
Eine Möglichkeit stellten die auf Leinwand gemalten Tapeten dar, von denen auch Beispiele im Haus zum Kirschgarten präsentiert werden. Ein hervorragendes Beispiel hierfür ist die von Maximilian Neustück 1797 als Unikat für das Haus zum Rosenfeld angefertigte Leinwandtapete mit idyllischen Fantasielandschaften (HMB Inv.-Nr. 1892.70). Bevor Neustück nach Basel kam, arbeitete er für eine der bekanntesten Manufakturen für Leinwandtapeten in Europa, nämlich für die 1749 gegründete Kaiserlich privilegierte Nothnagel’sche Fabrik und Handlung in Frankfurt. Diese lieferte zahlreiche Tapeten auch in die Schweiz, besonders für die luxuriös ausgestatteten bürgerlichen Palais in Zürich und Basel. Literarischen Niederschlag findet die Nothnagel’sche Manufaktur in Johann Wolfgang von Goethes Dichtung und Wahrheit (erster Teil, viertes Buch), wo der Herstellungsprozess von Leinwandtapeten detailreich beschrieben wird.
Als Alternative zu den Leinwandtapeten erfreuten sich im 18. Jahrhundert auch Papiertapeten grosser Beliebtheit, ihren Siegeszug als günstiger Wandschmuck traten sie aber erst im 19. Jahrhundert an. Den Höhepunkt dieser Entwicklung stellen die ausschliesslich in Frankreich hergestellten Panorama- oder Bildtapeten dar. Es handelt sich um die 1815 erstmals in der Pariser Manufaktur Dufour & Leroy erschienene Bildtapete Amor und Psyche (HMB Inv.-Nr. 1933.539), für deren Druck 1245 Model notwendig waren. Sie wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts und auch noch im 20. Jahrhundert immer wieder neu aufgelegt. Im Haus zum Kirschgarten zieren 13 Bahnen dieser Tapete das so genannte Empire-Zimmer.
Die Geschichte von Amor und Psyche ist ein antikes Märchen, das von der Liebe des Gottes Amor zu der überirdisch schönen Psyche und den daraus resultierenden Irrungen und Wirrungen erzählt. In der Abbildung sind die Szenen Psyche im Bade, bedient von unsichtbaren Mädchen, und links Psyche irrt trauernd durch die Welt sichtbar. Diese Bildtapeten waren nicht nur ausgesprochen dekorative Elemente der Raumkunst, die erfreuten, sondern erfüllten zudem einen höheren Zweck, den der Belehrung.
Abkürzung HMB = Historisches Museum Basel
Auswahlliteratur zur Tafelkultur (Giessfasskensterlein, Buffet):
Andreas Morel, Der gedeckte Tisch. Zur Geschichte der Tafelkultur, Zürich 2001.




